„Alles andere ist Augenwischerei“ – Kölns Trainer Baumgart ruft den Abstiegskampf aus

  • 13. November 2022

Beitrag auf welt.de

Seit dem umjubelten 3:2 gegen Dortmund ist der 1. FC Köln in der Krise. Spiele im Drei-Tages-Rhythmus und ein großes Verletzungspech haben Spuren hinterlassen. Trainer Steffen Baumgart sieht nach der Pleite in Berlin das Team am Scheideweg.

Im schwarzen Polohemd mit der Nummer 72 drauf und der kultigen Schiebermütze auf dem Kopf gab Steffen Baumgart noch einmal das Energiebündel am Rande des Spielfeldes. Er lief in seiner Coachingzone auf und ab, gestikulierte, feuerte an, klatschte in die Hände. Gemessen am Einsatz des Trainers hätte seine Mannschaft beim Gastspiel im Berliner Olympiastadion vor der längsten Winterpause in der Historie der Bundesliga sicher drei Punkte verdient gehabt. Doch am Ende stand ein 2:0 für die Hertha oben auf der Anzeigetafel – der zahlenmäßige Ausdruck einer Krise, die sich zuletzt dramatisch zugespitzt hat.

Seit dem umjubelten 3:2 am 1. Oktober gegen Borussia Dortmund ist der 1. FC Köln von der Ausbeute her eher ein Abstiegskandidat als ein Anwärter auf die erneute Teilnahme am Europacup. Nur vier läppische Punkte hat der Traditionsverein in jenem Zeitraum aus sieben Bundesligaspielen geholt und ist dazu als Gruppendritter auch noch aus der Europa Conference League geflogen. Einsätze im Drei-Tages-Rhythmus haben ihre Spuren hinterlassen. „Die Jungs sind durch. Der Einzige, der relativ fit war, war ich“, sagte Baumgart nach der jüngsten Pleite in Berlin.

Wenig Geld, viele Verletzte

Die Gründe für den jähen Absturz sind im schmalen Geldbeutel des Klubs zu suchen und in einer ungeahnten Anzahl an Blessuren beim kickenden Personal: Der 1. FC hat im Sommer nicht nur in Salih Özcan und Anthony Modeste seine beiden besten Spieler der Vorsaison verloren (für rund zehn Millionen Euro zu Borussia Dortmund), sondern war danach auch vom Verletzungspech derart gebeutelt wie kaum ein anderer Fußballklub in Liga eins: Zwischenzeitlich fehlten Baumgarts Team sechs Stammspieler. Mit 17 Punkten ist der Verein derzeit 13. der Tabelle.

In der Analyse sind sie in Köln aber recht ehrlich. „Wir haben in den letzten Spielen die Punkte nicht geholt, das bedeutet im Moment leider Abstiegskampf“, erklärte Baumgart. „Alles andere ist Augenwischerei. Wir müssen nach der Pause konzentriert in die weitere Saison gehen“, so der Trainer. „Bei vielen Klubs sind die Spieler durch. Bei den vielen Terminen hat man das Gefühl, man ist im Showgeschäft und nicht mehr im Fußball. Aber wir müssen das so annehmen und stehen wieder auf.“

Das Unterfangen dürfte recht schwer werden, wenn solche Slapstick-Nummern wie in Berlin hinzukommen und sich auch im neuen Jahr wiederholen. Dort hatte Stürmer Sargis Adamyan nach dem 0:1 durch Wilfried Kanga (9. Spielminute) eine tausendprozentige Möglichkeit ausgelassen, als er den Ball aus drei Metern nicht im verwaisten Hertha-Tor unterbringen konnte. „So ein Ding habe ich noch nie vergeben, ich weiß selbst nicht, wie ich den nicht reinmachen konnte“, meinte der Zugang hinterher geknickt. „Der Ball springt vorher kurz auf, und ich treffe ihn nicht richtig. Dann ging er eben drüber. Wir haben uns natürlich einen besseren Jahresabschluss gewünscht. Aber nach den letzten Wochen und Monaten sind wir froh, dass wir jetzt mal durchschnaufen können.“

Zumindest erhielt der verhinderte Torschütze zum Ausgleich Zuspruch von den Kollegen. „Die verpasste Chance von Sargis passt zu unseren Spielen der letzten Wochen“, meinte Sturmkollege Linton Maina. „Es war ein schwerer Ball, denn er tickt kurz vorher noch auf. Das ist für jeden schwierig. Wir machen da keinem irgendeinen Vorwurf – wir hätten trotzdem noch unsere Tore erzielen können. Von den vergangenen Spielen, die wir verloren haben, hätten wir das ein oder andere auch gewinnen können. Das ist ärgerlich, aber ich glaube, dass das Glück irgendwann wieder zurückkommen wird. Wir haben viele Spiele in den Knochen und die Pause wird uns allen guttun. Nächstes Jahr greifen wir wieder an.“