Abruptes Ende eines Märchens

  • 6. November 2022

Beitrag auf welt.de von Oliver Müller

Der 1. FC Köln ist trotz aller Anstrengungen im Europapokal gescheitert. Doch das leidenschaftliche Auftreten macht dem wirtschaftlich angeschlagenen Klub Mut für die Zukunft. Vor allem einer befeuert die Fantasie der Fans: Steffen Baumgart.

Steffen Baumgart wird sich niemals mit bestimmten Umständen stillschweigend abfinden. Seine erste Europapokalsaison als Trainer habe ihm mehr als gut gefallen, und er würde alles daransetzen, so etwas „noch mal zu erleben“, sagte der 50-Jährige: „Am liebsten natürlich mit dem FC. Weil ich von der Mentalität meiner Mannschaft mittlerweile begeistert bin.“

Nein, er sei mit sich und seinem Team im Reinen, obwohl die internationale Reise der Kölner aufgrund des 2:2 (0:2) gegen OGC Nizza im letzten Gruppenspiel der Conference League am Donnerstag zu Ende gegangen war. Doch enttäuscht war Baumgart nicht. Im Gegenteil. „Ich bin glücklich, hier zu arbeiten“, erklärte er. Das Einzige, was ihn gestört habe, seien diese „peniblen“ Vorschriften und Abläufe des europäischen Fußballverbandes Uefa. „Ich habe den Eindruck, dass der Organisator im Mittelpunkt steht, dabei sollten da die Mannschaften stehen“, sagte er. Die Uefa sei „Dienstleister“, und als solcher solle sie den Wettbewerb organisieren, „und damit gut“.

Auch wegen solcher Aussagen lieben sie ihren Trainer in Köln – vor allem aber, weil er es schafft, dass die Mannschaft regelmäßig an ihre Leistungsgrenze geht. So wie am Donnerstag, als die Kölner fast schon besiegt schienen. Zur Pause lagen sie 0:2 zurück. Doch dann drehte das Team noch einmal auf und brachte einen technisch klar überlegenen Gegner an den Rand einer Niederlage – wie so oft schon in dieser Saison. Es fehlte nur ein Tor, um erstmals seit 1990 in eine internationale K.o.-Runde einzuziehen. Es sei „ein Auf und Ab der Gefühle gewesen“, so Baumgart.

85 Millionen Euro Einnahmeausfälle

Der 1. FC Köln ist ein Erlebnis, seit Baumgart im Sommer 2021 die Mannschaft übernommen hat. Damals war der Traditionsklub gerade haarscharf am Abstieg vorbeigeschrammt. Die Zukunft schien mehr als ungewiss. Die zurückliegenden Jahre als Fahrstuhlklub hatten Geld gekostet und die sportliche Substanz geschwächt. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie setzten dem Verein zu.

Wirtschaftlich wurde es nicht besser. Im Gegenteil. Für das Geschäftsjahr 2021/2022 musste erneut ein Verlust (15,7 Millionen Euro) bekannt gegeben werden. Insgesamt, rechnete Finanzgeschäftsführer Philipp Türoff vor, habe Corona beim FC Einnahmeausfälle in Höhe von 85 Millionen Euro verursacht. Hinzu kommen Verbindlichkeiten von 66 Millionen Euro – unter anderem, weil Sponsorengelder, die erst in der Zukunft fällig geworden wären, bereits vorab verbraucht wurden. Der Verein ist, damit gingen die Kölner branchenunüblich transparent um, ein Sanierungsfall.

Die Folge ist ein rigoroser Sparkurs. Im vergangenen Sommer mussten namhafte Spieler verkauft werden. Die Transfers von Leistungsträgern wie Salih Öczan und Anthony Modeste, die beide zu Borussia Dortmund gingen, brachten immerhin knapp über zehn Millionen Ablöse ein.

Die bange Frage war: Welcher Trainer macht das mit? Die Antwort belegt, worin der größte Wert von Baumgart für den FC liegt: Der Berliner, der die Mannschaft am Ende seiner ersten Saison in den internationalen Wettbewerb geführt hatte, verlängerte seinen Vertrag und akzeptierte die Rahmenbedingungen. „Ich muss Bundesligaspieler entwickeln und kann mir keine kaufen“, sagte er. So sei es nun mal.

So wurde Baumgarts zweites Jahr am Rhein zu einem bislang beeindruckenden Beleg seiner Fähigkeiten und seiner Loyalität. Er schuf sich neue Möglichkeiten, setzte auf Spieler, die entweder nur Insidern bekannt waren oder die anderswo als nur bedingt bundesligatauglich eingestuft worden waren.

Im Angriff baute er auf den derzeit verletzten Florian Diez, 23, der aus der zweiten Mannschaft kam. Er gab Steffen Tigges, 23, das Vertrauen, das der bei Borussia Dortmund nicht mehr verspürt hatte. Linton Maina, 23, kam ablösefrei von Hannover 96 und Sargis Adamyan, 29, für 1,5 Millionen Euro Ablöse aus Hoffenheim. Alle spielen mittlerweile regelmäßig.

Der personelle Umbruch tat auch der dominanten, mutigen Spielweise keinen Abbruch. Köln spielt wie im Vorjahr offensiv – viel offensiver als eine Mannschaft, die so besetzt ist, nach gängiger Meinung spielen dürfte. Gleichzeitig konnte die ungewohnte Doppelbelastung mit Bundesliga und Europapokal so gut es ging gemeistert werden.

Qualitatives Gefälle im Kader

Baumgart musste extrem rotieren lassen. Hier hatten viele die Sollbruchstelle gesehen: Das qualitative Gefälle im Kader schien zu groß für viele Wechsel zu sein. Hinzu kamen verletzungsbedingte Ausfälle von Leistungsträgern wie Jonas Hector, Marc Uth, Diez und Jan Thielmann, der erst am Donnerstag sein Comeback als Einwechselspieler geben konnte. „Wir haben immer gesagt, wie wichtig es ist, dass wir alle mitnehmen“, sagte Baumgart.

Es gelang ihm, Spieler auf ein Niveau zu bringen, von dem sie selbst wohl vor Kurzem nicht einmal zu träumen gewagt hätten: Einer der auffälligsten Akteure am Donnerstag war Denis Huseinbasic, 21. Der Mittelfeldspieler war von den Offenbacher Kickers gekommen – aus der vierten Liga.

„Es ist unserem Spielstil geschuldet, dass wir es schaffen, auch in veränderten Besetzungen zu überzeugen“, sagte Florian Kainz. Der österreichische Nationalspieler, der 2019 mit den Kölnern in die Bundesliga aufgestiegen war, zählt zu den Führungsspielern. Er hat von Anfang an miterlebt, wie Baumgart es schaffte, dass sich jeder Spieler, egal, welchen Status er zu haben glaubte, als wichtiger Bestandteil fühlt. „Bei uns zieht jeder jeden mit“, so Kainz.

Knapp elf Millionen Euro haben die Kölner durch die Conference League eingenommen – Geld, das der Klub gut gebrauchen kann. Denn nicht nur die Auswirkungen von Corona machen dem FC zu schaffen. Die Kölner leiden auch unter den Folgen eines jahrelangen Investitionsstaus. „Wir haben eine Infrastruktur, die war in den 1960er-Jahren mal top im deutschen Fußball. Mittlerweile gibt es Drittligavereine, die besser aufgestellt sind als wir“, erklärte Geschäftsführer Christian Keller kürzlich gegenüber „Spox“.

Die Lage in Köln wird weiterhin angespannt bleiben. Doch die positive Art, mit Schwierigkeiten umzugehen, ist beispielgebend und zeigt einen Weg auf, wie Probleme gemeistert werden können.

Baumgart und seine Spieler würden gern in den Europapokal zurückkehren. Das Märchen soll nur Pause haben. Am Sonntag muss Köln in der Bundesliga auswärts gegen Freiburg antreten (17.30 Uhr, DAZN). Es ist der Auftakt zur sechsten englischen Woche in Folge. Danach kommt die WM-Pause. „Und dann mache ich drei Kreuze“, so Baumgart.