Derbysieg gegen Dezimierte

  • 9. Oktober 2022

Beitrag auf sueddeutsche.de von Ulrich Hartmann

Borussia Mönchengladbach revanchiert sich beim turbulenten 5:2 gegen den 1. FC Köln für die Niederlagenserie der Vorjahre – und ist dabei die komplette zweite Halbzeit in Überzahl.

Die Trübsal der vergangenen beiden Spielzeiten bei Borussia Mönchengladbach darf man nicht nur an den Enttäuschungen mit den verflossenen Trainern Marco Rose und Adi Hütter festmachen oder am emotionalen Abgang des Sportchefs Max Eberl. In jener Phase verlor Gladbach auch drei Derbys nacheinander gegen den 1. FC Köln. Die allergisch anmutende Abneigung gegen den rheinischen Rivalen flussaufwärts machte nie jemand deutlicher als jener Gladbach-Fan, der im ARD-Quiz „Gefragt, gejagt“ vor zwei Jahren auf die Frage des Moderators Alexander Bommes nach dem Zweitliga-Meister 2019 antwortete: „Das spreche ich nicht aus.“ Die richtige Lösung wäre gewesen: 1. FC Köln.

Vier Mal nacheinander gegen Köln verloren hat Gladbach zuletzt Anfang der 1980er-Jahre. Die Wiederholung einer solchen Schmach zu verhindern, war mithin akute Verpflichtung der aktuellen Belegschaft am Sonntag im Borussia-Park. Nach der Niederlage unter Rose im Februar 2021 und den Niederlagen unter Hütter im November 2021 und April 2022 vermochte der Trainer Daniel Farke die Serie der Demütigungen eindrucksvoll zu stoppen. In Überzahl in der zweiten Halbzeit – nach einem Platzverweis kurz vor der Pause für den Kölner Florian Kainz – gewann Gladbach überraschend souverän mit 5:2 (2:1). Mit sieben Treffern, zwei Elfmetern und dem Platzverweis fiel die 95. Bundesliga-Auflage des Rheinderbys turbulent aus.

„Diese Monate waren nicht einfach“, sagte Gladbachs Kapitän Lars Stindl nach dem Spiel und erinnerte an die Phase der geballten Derby-Niederlagen. „Schwierig für die Borussia-Seele“, nannte er die damaligen wiederholten Hiebe durch den 1. FC Köln. Umso befreiender empfand er den Statement-Sieg am Sonntag. „Das war eine reife, gute Leistung“, sagte Stindl, „wir wussten um die besondere, emotionale Bedeutung dieses Spiels außerhalb des Tabellengeschehens und können diesen Moment jetzt genießen.“ Auf die Frage, wie man so einen Moment als Fußballer genieße, antwortete Stindl keck: „Mit ein paar…“, verkniff sich aber grinsend einen Kölsch-Seitenhieb und sagte demonstrativ: „… Altbier.“

Es hatte früh gut ausgesehen, als der aufgerückte Innenverteidiger Marvin Friedrich in der 29. Minute nach einer Ecke von Jonas Hofmann das 1:0 köpfelte. Doch der Jubel verhallte zunächst wieder. Hofmann foulte zwei Minuten später im eigenen Strafraum Kainz, was der Schiedsrichter Sven Jablonksi allerdings erst auf dem Monitor sah. In der 31. Minute erlaubte er Kainz, zu einem Elfmeter anzulaufen und den 1:1-Ausgleich zu erzielen.

Kainz rammt Hofmann im Duell den Ellbogen ins Gesicht: Gelb-rot und Elfmeter

Die letzten fünf Minuten der ersten Halbzeit wurden turbulent – zum Schaden der Kölner. Schwer wog zunächst der Ausfall des Mittelfeldmanns Dejan Ljubicic, der nach einem Foul von Ramy Bensebaini ausgewechselt werden musste. In der 45. Minute verabschiedete sich mit Gelb-Rot zudem der seit der 11. Minute vorbestrafte Kainz, der im eigenen Strafraum in einem Kopfballduell Hofmann den Ellbogen ins Gesicht rammte. Den Elfmeter verwandelte Bensebaini in der zweiten Minute der Nachspielzeit zur 2:1-Pausenführung.

Dem Kölner Schock kurz vor der Pause ließen die Gladbacher einen weiteren kurz nach der Pause folgen, als Stindl aus 18 Metern zum 3:1 einschoss. „In einem der stimmungsvollsten Stadien Deutschlands wollen wir ein Feuerwerk abbrennen“, hatte Kölns Trainer Steffen Baumgart vor dem Spiel gesagt, aber abgebrannt haben ihr Feuerwerk auf der Tribüne nur die Kölner Fans.

Während ihre Fußballer versäumten, in der Tabelle nach Punkten zu Bayern München und Borussia Dortmund aufzuschließen, schoben sich die Gladbacher auf einen Europapokalplatz vor. Benseibaini erzielte in der 76. Minute das 4:1, und nachdem Kölns Denis Huseinbasic auf 2:4 (83.) verkürzt hatte, schoss Marcus Thuram in der Nachspielzeit den 5:2-Endstand heraus.

„Ich bin froh, dass wir unseren Fans nach einer längeren Durststrecke einen fantastischen Derby-Sieg schenken konnten“, sagte der Trainer Farke, „Fans und Verein können nach schwierigen Monaten jetzt mal schön feiern.“ Er selbst sei aus diesem Alter allerdings heraus und werde den Abend ganz ruhig daheim mit Kaffee und Kuchen auf dem Sofa genießen. Gleich im ersten Derby eine derartige Demütigung des Kölner Rivalen beschert Farke im Borussia-Park gewiss allerhand Bonuspunkte auf der Sympathieskala.