Experiment Geißbock

  • 21. September 2022

Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit

Die Führung des 1. FC Köln zeigt Mut: Sie will den Fußball-Bundesligaklub langfristig sanieren. Wohl wissend, dass dabei ein sportlicher Absturz möglich ist.

Mit düsteren Worten beschrieb der Finanz-Geschäftsführer des 1. FC Köln am Dienstagabend auf der Mitgliederversammlung die Lage seines Arbeitgebers. Der FC sei „ein finanzwirtschaftlicher Sanierungsfall“, sagte Philipp Türoff und wiederholte damit einen Begriff, mit dem schon Sportchef Christian Keller bei seinem Amtsantritt im Frühjahr für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Eigentlich ist das rheinische Gemüt ja bekannt dafür, die eigene Situation durch einen Schleier des Optimismus zu betrachten, diese knochentrockene Ehrlichkeit ist also erstaunlich. Denn das Bild vom „Sanierungsfall“ sagt mehr aus als der 15-Millionen-Euro-Verlust im Geschäftsjahr 2021/2022, der die Schulden auf 66 Millionen ansteigen lässt. Verluste und Schulden beklagt fast jeder Bundesligaklub in Corona-Zeiten. Der FC präsentiert sich jedoch als runtergerocktes Unternehmen, das gerettet werden muss. Diese Selbstdarstellung ist ungewöhnlich und ziemlich klug.

Die Verantwortlichen dieses wankelmütigen Traditionsvereins haben sich dazu entschlossen, ehrlich und furchtlos in die Zukunft zu gehen. Im Sommer wurden aus wirtschaftlichen Gründen Salih Özcan und Anthony Modeste verkauft, die beiden besten Spieler des Vorjahres. Aus den gleichen Gründen haben sie anschließend gar nicht erst darüber nachgedacht, den Verlust mit namhaften Ersatzleuten zu kompensieren. Wie ein Drogenabhängiger im kalten Entzug zwingt sich der 1. FC Köln gerade dazu, die toxische Vergangenheit hinter sich zu lassen. Diesen Mut muss man erst mal haben, denn die Gefahr eines Absturzes bleibt.

Viel zu oft denken Trainer und Manager im Profifußball zuallererst darüber nach, wie sie die nächste und eventuell die übernächste Saison überstehen, weil sie danach wahrscheinlich sowieso woanders sind. In Köln wird nun mit einer in der Branche seltenen Risikobereitschaft an der Zukunft gebastelt, von der keiner der Beteiligten weiß, ob er sie noch als Kölner erleben wird. Die gesamte Sportliche Leitung ist darauf angewiesen, dass Trainer Steffen Baumgart wenig bekannte und oftmals auf höherem Niveau völlig unerfahrene Spieler zu richtig guten Bundesligaprofis macht, damit das Team mithalten kann. Das scheint tatsächlich zu gelingen. Nur eins von sieben Bundesligaspielen haben die Kölner verloren, im Europapokal sind sie noch ungeschlagen.

Festhalten an den Prinzipien

Wie weit Baumgart mit seiner gradlinigen Arbeitsweise geht, zeigte sich im Play-off-Rückspiel um die Qualifikation für die Gruppenphase der Europa Conference League beim ungarischen Teilnehmer FC Fehervar. In dieser extrem wichtigen Partie, in der es unter anderem darum ging, im weiteren Saisonverlauf zwischen sieben und neun Millionen Euro einnehmen zu können, ließ der Trainer seinen international erfahrenen und sportlich kaum ersetzbaren Kapitän Jonas Hector zunächst auf der Bank sitzen. Wegen der Belastungssteuerung.

Dieses radikale Festhalten an den eigenen Prinzipien ist derzeit auf vielen Ebenen des Klubs zu spüren und ein interessantes Experiment, das die Mitglieder begrüßen. Auf früheren Versammlungen wurde regelmäßig gestritten, manchmal flogen Fäuste, diesmal war es ruhig. Das Präsidium des Sanierungsfalls wurde mit 92 Prozent Zustimmung wiedergewählt, was zuallererst an der guten sportlichen Situation liegt. Aber jenseits des Geschehens auf dem Rasen entsteht in Köln gerade das Gefühl, dass hier Leute am Werk sind, die nicht nur hilflos mit den Kräften eines taumelnden Giganten ringen, sondern sehr genau wissen, was sie tun.