Deutscher Meister wird nur der FCU

  • 11. September 2022

Beitrag auf sueddeutsche.de von Philipp Selldorf

Durch das 1:0 in Köln zieht Union Berlin in der Tabelle am FC Bayern vorbei. Trainer Urs Fischer ist aber aus anderen Gründen erfreut.

Zehn Minuten bevor es losgehen sollte, war auch Hennes IX zur Stelle. Schwungvoll nahm er seinen Platz ein, an dem die Gastgeber bereits eine vegane Mahlzeit platziert hatten. Hennes der Geißbock war nicht nur bereit, sondern auch in Form für das Spiel, bei dem es für den 1. FC Köln und Union Berlin darum ging, zum FC Bayern mindestens aufzuschließen, die ungewohnte Tabellensituation gab’s her.

Mit Fußball und Entertainment im Königsklassen-Stil hatte die Partie dennoch wenig zu tun. Der karge 1:0-Sieg für den FC Union drückte das sportlich oft rohe Wogen jenseits der Strafräume angemessen aus. Der Berliner Treffer resultierte aus einem Eigentor von Timo Hübers in der dritten Minute, dem die Kölner bis zur letzten Sekunde der vierminütigen Nachspielzeit hinterherliefen. Während der FC die erste Saisonniederlage akzeptieren musste, bestätigte Union – mit Spielschluss um 17:26 Uhr Tabellenführer – seinen Ruf, unter den unangenehmen Gegnern einer der unangenehmsten zu sein.

„Deutscher Meister wird nur der FCU“, sangen die weitgereisten Fans aus Köpenick nach dem Abpfiff, die vor ihnen aufgereihte Berliner Mannschaft dementierte nicht, sondern hüpfte im Takt dazu. Trainer Urs Fischer erhob erwartungsgemäß keine Titelansprüche: „Was mich vor allem freut, wenn ich auf die Tabelle schaue, sind die 14 Punkte. Wir waren von Beginn weg bereit für die Aufgabe und haben es am Ende gut runtergespielt. Ich glaube, es war ein verdienter Sieg.“ Steffen Baumgart bestätigte die Berechtigung des gegnerischen Erfolgs. Der Plan, den man gefasst habe, sei „mal gar nicht aufgegangen“, sagte der Kölner Coach.

Wie der stürmische Geißbock nahmen sich auch die Berliner sofort, was sie kriegen konnten. Die Kölner wurden regelrecht überfallen von ihrem Widersacher, der mit Tempo und Wucht vorwärts drängte. Kapitän Christopher Trimmel trieb vom linken Flügel aus mit hohen, harten Bällen das Spiel voran, die Angreifer Sheraldo Becker und Jordan Siebatcheu zeigten auf Anhieb Präsenz. Das Zusammenspiel der Stürmer bescherte schnell das 1:0, als Hübers einen Schuss von Becker ins Tor lenkte.

Die Führung verleitete die Berliner nicht dazu, ihre aggressive Spielweise zu reduzieren, sie setzten weiterhin kraftvoll nach, erwirtschafteten Frei- und Eckstöße und wurden prompt belohnt – nicht durch das 2:0, aber durch den Schiedsrichter. Benjamin Cortus verhängte einen Elfmeter gegen die Kölner, nachdem Verteidiger Luca Kilian der Ball gegen den Arm gesprungen war. Wie der Schiedsrichter auf die Idee kam, dass dabei strafbare Absicht vorlag – Kilian stieg mit dem Rücken zum Ball in die Höhe, als er getroffen wurde -, blieb sein Geheimnis. Siebatcheu machte jedoch weitere Debatten überflüssig, er schoss so schwach, dass Marvin Schwäbe den Ball sogar festhalten konnte (9.). Auf die Erklärung für die Strafstoß-Entscheidung habe er „keinen Bock mehr“, meinte Baumgart.

Fünf Minuten später fiel es dann doch, das vermeintliche 2:0. Becker hatte aus spitzem Winkel getroffen, dabei aber im Abseits gestanden, wie der VAR nach rätselhaft langwieriger Prüfung herausfand.

Resultat einer fragwürdigen Strafstoß-Entscheidung: die gelb-rote Karte für Luca Kilian

Danach ließen es die Unioner zwar nicht ruhiger angehen, die anfangs überwältigten Kölner kamen jedoch etwas besser in die Partie. Vors gegnerische Tor gelangten sie selten. Den Kölnern, nach dem Europacup-Auftritt am Donnerstag ebenso großräumig umformiert wie der Gegner, fehlten die spielerischen Mittel, um den Zweikämpfen aus dem Weg zu gehen, die ihnen Union aufzwang. Häufig wechselte der Ball den Besitzer, für Kombinationen und Flachpass-Spiel ließen sich beide Seiten weder Raum noch Zeit, ein Kopfball-Duell reihte sich ans nächste. Union-Torwart Lennart Grill musste bis zur Pause lediglich nach einem Schuss von Linton Maina ernsthaft eingreifen.

Nach der Pause wiederholte sich die Konfrontation zwischen den beiden, wieder war Grill der Sieger. Die Kölner forcierten ihre Bemühungen, die Berliner ließen sich von der verschärften Hektik nicht aus der Ruhe bringen. Einem zweiten Tor kam Trimmel am nächsten, als er eine Flanke gegen die Latte setzte (58.). Baumgart wechselte nochmal umfassend, doch ein Powerplay des FC fand nicht mehr statt. Die gelb-rote Karte für Luca Kilian – letztlich ein Resultat der fragwürdigen Strafstoß-Entscheidung, als der Verteidiger wegen des Handspiels verwarnt wurde – tat dazu ihr Übriges. Union musste am Ende um den Sieg nicht ernsthaft zittern.