Horizonterweiterung

  • 26. August 2022

Beitrag auf sueddeutsche.de von Philipp Selldorf

Der 1. FC Köln spielt nach 2017 wieder im Europapokal. Was damals im Abstieg endete, soll diesmal dauerhaft in die obere Hälfte der Bundesliga führen. Mit Trainer Steffen Baumgart – und in der Stadt eher unpopulären Eigenschaften.

Als Ende 2018 die Uefa die Gründung der Conference League beschloss, war das Echo hierzulande entweder unfreundlich und misstrauisch oder gleich geradewegs ablehnend. Wer braucht denn sowas – eine Regionalliga für den Europapokal?, lautete landauf, landab der Tenor, während in Köln Paragraph sechs des kölschen Grundgesetzes zitiert wurde: „Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domit.“

Nach dem geglückten Start des Wettbewerbs im Vorjahr bedurfte es nun eigentlich keiner weiteren gegenteiligen Belehrung mehr – allein die Freudentränen des Zynikers José Mourinho nach dem mit AS Rom gewonnenen Finale rechtfertigten ja schon den neuen Wettbewerb. Doch sollte es am Rhein trotzdem noch ein paar Ignoranten gegeben haben, so dürften auch sie spätestens seit Donnerstagabend bekehrt sein. Dazu musste man nur die Bilder der Siegesfeier des 1. FC Köln auf dem Rasen der MOL Arena Sosto betrachten, die auf den 3:0-Sieg bei Fehervar FC folgte. Man sah Fußballer, die den Höhepunkt ihres persönlichen Glücks erreicht zu haben schienen und sich dabei von 3000 bewegten Fans bejubeln ließen. Anders als beim 1:2 verlorenen Hinspiel hielten die Kölner die Konzentration jederzeit aufrecht und profitierten von perfekt gesetzten Wirkungstreffern: Timo Hübers (10. Minute) und Ellyes Skhiri (46.) trafen jeweils nach Eckstößen.

Die Stimmen zum Spiel zeugten von Ergriffenheit: „Morgen erst wird uns bewusst werden, was wir erreicht haben – für den ganzen Verein“, sagte Steffen Baumgart. Die Aussage des Trainers hatte nichts damit zu tun, dass er den Spielern für die Nacht des Triumphs ausdrücklich Bier und Tabak und somit quasi mutwillige Bewusstseinstrübung genehmigt hatte. Seine Aussage zielte vielmehr auf die Dimension des Gelingens: Den Einzug in den Europapokal mit einem Klub, der vor 15 Monaten in den knappen Relegationsspielen gegen Holstein Kiel noch an der Schwelle zur zweiten Liga gestanden hatte. Aber Baumgart, 50, dachte vermutlich auch an sich selbst und die Erweiterung seines eigenen Horizonts. In seinem langen Fußball-Leben hatte er – vom Hinspiel gegen Fehervár abgesehen – lediglich eine Halbzeit an einer Europacup-Partie teilgenommen: Als 18-Jähriger 1990 mit dem PSV Schwerin gegen Austria Wien (0:2).


Weil die Fußballwelt klein und voller schicksalhafter Begegnungen ist, stand damals auf der anderen Seite ein Spieler, der nicht nur zu Baumgarts Vorgängern zählt, sondern auch der Trainer ist, der den jüngsten Europacup-Auftritt des 1. FC Köln zu verantworten hatte: Peter Stöger erlebte dabei allerdings die dunkle Seite des Europacup-Abenteuers. Man kann darin nämlich auch umkommen – wie Stöger vor fünf Jahren. Auf dem Höhepunkt der Aufwärtsentwicklung des Klubs brach 2017 schlagartig entzwei, was in vier Jahren Aufbauarbeit entstanden war: Vom Konkurrenten des FC Arsenal in der Europa League mutierte der FC zum Absteiger.

Am Donnerstagabend in Fehervar wollte davon niemand etwas hören. Die Stimmung in der Stadion-Loge und auf der Bustour zum gegen Mitternacht gestarteten Charterflugzeug sei naturgemäß ausgezeichnet gewesen, berichtet der Kölner Vize-Präsident Eckhard Sauren, 50. Der Unternehmer ordnet den Erfolg jedoch nicht als wichtig ein – sondern als „megawichtig“. Dem Verein eröffnet die Conference League die Chance, die Verwirklichung seiner Ziele zu beschleunigen. „Unsere Vision ist, uns dauerhaft unter den ersten Zehn der Liga zu etablieren“, sagt Sauren. Der ehedem als überzählig verpönte Europacup Nummer drei garantiert höhere Umsätze – und höhere Gewinne. „Das glauben wir nicht – das wissen wir!“, versichert Sauren, der als selbständiger Fondsmanager sein Geld verdient.

Drei Millionen Euro Startgeld garantiert das Erreichen der Gruppenphase, dazu kommen Prämien, Einnahmen für drei mutmaßlich ausverkaufte Heimspiele, Sponsoring. Das reicht vielleicht nicht, um länger als zwei, drei Monate das Gehalt von Sadio Mané zu bezahlen, ist aber genug, um am Transfermarkt wieder Stärke zu zeigen. Falls nach dem starken Auftritt in Fehervar jemand käme, um den französisch-tunesischen Mittelfeldspieler Ellyes Skhiri abzuwerben – der FC könnte trotz des im kommenden Sommer auslaufenden Vertrages Nein sagen.

Kellers striktes, unsentimentales Ausgabenmanagement ist nicht typisch für die Fußballbranche

Sauren hatte nach den Kieler Angst-Wochen im vorigen Jahr das Kölner Publikum mit der Vorstellung eines Sieben-Jahre-Planes irritiert, mit dem der FC wieder ein starker Bundesligaklub werden sollte. Das Echo war ähnlich wie das nach der Einführung der Conference League: An illusorischen Langzeitentwürfen seien schon Imperien zerbrochen, bekam er unter anderem zu hören. Von der magischen Sieben ist jetzt zwar nicht mehr die Rede, aber Sauren kann auf vorzeigbaren Fortschritt verweisen, der die Vorsätze der Vereinsführung bestätige. Die Rede ist nicht vom Geheimplan, den im Fußball noch niemand entdeckt hat, sondern von bisher in Köln eher unpopulären Eigenschaften wie Bescheidenheit und Geduld. „Das ist der entscheidende Punkt“, sagt Sauren: „Wir wollen in den nächsten Jahren eine solide Basis schaffen, anstatt immer an der Schmerzgrenze zu agieren.“

Die planerische Vernunft, die sich das Präsidium verordnet hat, passt zu den Prinzipien des neuen Sportchefs Christian Keller, dessen striktes, unsentimentales Ausgabenmanagement nicht typisch ist für die dem Glücksspiel zugeneigte Fußballbranche. Von einem Einkauf für den nach Anthony Modestes Weggang etwas zahnlos wirkenden Angriff lässt er weiterhin nichts hören. Keller versprach stattdessen: „Wir wollen mit dieser Mannschaft den Rest der Vorrunde spielen, vielleicht den Rest der Saison.“

In diesem Satz steckt auch das Vertrauen auf die treibende Kraft am mythischen Geißbockheim. Steffen Baumgarts mitreißender Arbeitseifer revolutioniert seit einem Jahr den Betrieb und führt Spieler zu Leistungen, die sie bis dahin selbst nicht für möglich hielten. „Der Trainer hat uns immer alle mitgenommen, den ganzen Verein. Das ist seine große Stärke“, sagte der österreichische Offensivmann Florian Kainz nach dem Spiel in Ungarn. Es war, wie gesagt, der richtige Anlass, um ergriffene Worte zu sprechen.