Festspiele für den 1. FC Köln in Europa

  • 26. August 2022

Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit

Beim umjubelten Sieg des 1. FC Köln in der Qualifikation zur Conference League gehen die Emotionen mit Steffen Baumgart durch. Der Schiedsrichter zeigt ihm die Gelb-Rote Karte. Nun warten drei neue Gegner.

Es soll Menschen geben, die es für einen Fehler halten, dass der dritte Europapokal eingeführt wurde – Leute, die hinter dieser Idee das in vielen Fußballwettbewerben erkennbare Aufblähungsbestreben der nach Profit strebenden Verbände wähnen. Wer den 1. FC Köln in den Play-off-Partien der Europa Conference League gegen den FC Féhérvar erlebte, kommt kaum umhin, diese Ansicht zu revidieren.

Schon beim 1:2 im Hinspiel in Köln feierte ein elektrisiertes Stadion die Kölner Mannschaft, die im Rückspiel eine Explosion der Leidenschaft erlebte. 3:0 gewann der FC in Székesfehérvár, die mehr als 3000 mitgereisten Anhänger bejubelten die Tore von Timo Hübers (10. Minute), Ellyes Skhiri (46.) sowie Kingsley Schindler (90.+4) und ein Freudenfest des Fußballs. „Wie die Fans uns heute gepusht haben, was es ihnen bedeutet – das ist ein Riesenerlebnis“, sagte ihr Mannschaftskollege Florian Kainz.

Kein Kölner würde nach diesem Erlebnis sagen: Diese Conference League, die perfekt zu einem Klub wie diesem zu passen scheint, gehört abgeschafft.

„Man redet ja oft von Stolz“, sagte Trainer Steffen Baumgart, „das ging im letzten Jahr los, wir haben es weitergeführt. Jeder hat gesehen, dass die Jungs alles rausgehauen haben.“ In diesen Sätzen verbirgt sich eine kleine Sensation. Denn der FC hat in Anthony Modeste und Salih Özcan seine beiden besten Spieler des Vorjahres verloren, Geld für teure Nachfolger fehlt. Dennoch haben Baumgart, Sportchef Christian Keller und das Team das Projekt ohne erkennbaren Einbruch „weitergeführt“.

In der Bundesliga haben die Kölner nach drei Partien fünf Punkte, selbst bei der Niederlage im DFB-Pokal in Regensburg im Elfmeterschießen war die Leistung in Ordnung. Nun haben sie unter großem Druck sehr seriös eine unglückliche Hinspielniederlage im Europapokal gedreht. Die Kölner Mannschaft funktioniert als Gemeinschaft und ist nicht abhängig von Individualisten, weil der Trainer neue junge Spieler zu sehr brauchbaren Bundesligaprofis entwickelt.

Obwohl die Partie auch wirtschaftlich extrem wichtig war, riskierte Baumgart viel. Linton Maina stand erstmals in einem Pflichtspiel in der Startelf. Eric Martel, der in den fünf Partien zuvor nur 62 Minuten für den FC zum Einsatz gekommen war, spielte durch. Und auf der linken Abwehrseite begann Kristian Pedersen anstelle von Kapitän Jonas Hector, der mit dem Argument einer sinnvollen Leistungssteuerung zunächst auf der Bank saß. Außerdem avanciert der 20 Jahre alte Ma­thias Olesen, ein luxemburgischer Mittelfeldspieler, immer mehr zu einer zentralen Figur im Team.

Weil es derart gut funktioniert, sagte Sportchef Keller auf die Frage, ob aufgrund der bevorstehenden Gruppenspiele und der zu erwartenden Einnahmen von acht bis zehn Millionen Euro noch Transfers zu erwarten seien: „Wir vertrauen unserem Kader, wollen mit dieser Mannschaft den Rest der Vorrunde spielen, vielleicht den Rest der Saison.“ Vor den sechs Spielen gegen Partizan Belgrad, OGC Nizza und den tschechischen Pokalsieger 1. FC Slovácko, die am Freitag in die Kölner Gruppe gelost wurden, fürchtet sich niemand. Bei der ersten Partie wird Trainer Baumgart nach der Gelb-Roten Karte wegen eines Ausrasters in Ungarn aber fehlen.