Zur Rückkehr nach Europa verdammt

  • 18. August 2022

Beitrag auf welt.de von Lars Gartenschläger

Der 1. FC Köln kämpft in der Qualifikation zur Conference League um das internationale Geschäft – und um viel Geld, das die klammen Kölner dringend brauchen. Euphorie und Erwartungen innerhalb des Klubs sind hoch.

Rund 6000 Zuschauer waren ins Stadion in Debrecen gekommen, einer Stadt im Osten Ungarns. Ihn, damals Stürmer beim VfL Wolfsburg, bekamen sie erst einmal nicht zu sehen, zumindest auf dem Platz nicht. Steffen Baumgart, zu jener Zeit in Diensten der Wolfsburger, wurde in der 82. Minute des Rückspiels in der ersten Runde des Uefa-Pokals eingewechselt. Wolfsburg verlor die Partie am 28. September 1999 zwar 1:2; durch ein 2:0 im Hinspiel kam der VfL aber weiter.

Für Baumgart, der kurz danach zu Hansa Rostock wechselte, war es der letzte Auftritt auf der europäischen Fußballbühne. Nun, da fast 23 Jahre vergangenen sind, kehrt er als Trainer wieder auf sie zurück. Und wie es der Zufall will, kommt der Gegner erneut aus Ungarn. Mit dem 1. FC Köln empfängt er in der Qualifikation für die Conference League am Donnerstagabend (20.30 Uhr, RTL) im Hinspiel Fehervar FC, einen Klub, der 60 Kilometer südwestlich von Ungarns Hauptstadt Budapest beheimatet ist und vom deutschen Trainer Michael Boris trainiert wird.

„Es ist ein sehr wichtiges Spiel für uns. Wir wollen weiterkommen. Dafür können wir am Donnerstag den Grundstein legen“, sagte Baumgart vor dem Hinspiel, für das die Generalprobe am vergangenen Samstag erstaunlich gut verlaufen war. Köln erreichte im ersten Spiel nach dem Abgang von Torjäger Anthony Modeste, der zum BVB gewechselt ist, ein beachtliches 2:2 beim Star-Ensemble von RB Leipzig, das allerdings in der zweiten Halbzeit nach einem Platzverweis in Unterzahl hatten spielen müssen. Der Kontrahent von Donnerstagabend – Fehervar FC – hingegen kassierte bei seinem letzten Spiel vor dem Duell mit den Rheinländern ein 0:4 bei Ferencvaros Budapest.

Kölner sind Favorit

Unabhängig von dem Resultat ist sich Steffen Baumgart der Ausgangslage aber bewusst. „Wir sind der Favorit, das wollen wir auch zeigen“, sagte er, um in Bezug auf den möglichen Sprung in die Gruppenphase und der damit einhergehenden Erwartungshaltung zugleich den Druck von seiner Mannschaft zu nehmen. „Im Sport muss man gar nichts“, merkte Baumgart an: „nur gute Leistungen bringen.“

Doch so sehr sich der Coach auch bemüht, etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen, die Euphorie rund um den FC ist groß. Und daran hat er, der Trainer, nun mal auch seinen Anteil. Mit seiner extrovertierten und direkten Art schaffte er es im vergangenen Jahr die Reihen im Klub zu schließen – und den Anhang für sich zu begeistern. Die Schiebermütze, die er bei Spielen seines Teams am Spielfeldrand trug, wurde sein Markenzeichen und ein Verkaufsschlager. Viel wichtiger aus sportlicher Sicht aber war es, dass es Baumgart gelang, die Mannschaft, die in der Spielzeit 2020/21 erst in der Relegation den Klassenerhalt sicherte, wieder auf Kurs zu bringen. Platz sieben, den der FC erreichte, spricht für sich und ein Team, dass unter Baumgart kämpferisch überzeugt, aber auch spielerisch. „In einer emotionalen Stadt wie Köln“, sagte Baumgart mal in einem WELT-Gespräch, „kann ich keinen langweiligen Fußball bieten.“

Dass der FC nach zwei Saisonspielen bereits vier Punkte hat, spricht für sich, wenn auch das Erstrunden-Aus im DFB-Pokal bei Zweitligist Regensburg die Freude darüber etwas trübt.

Nun aber, so der Wunsch bei allen, die es mit FC halten, soll der 1. FC Köln alles daransetzen, international für nachhaltigen Eindruck sorgen. Letztmals gab er sich in der Saison 2017/18 dort die Ehre. Allerdings schaffte er es nach vier Niederlagen und zwei Siegen gegen Arsenal London (1:3, 1:0), Roter Stern Belgrad (0:1, 0:1) und Bate Baryssau (0:1, 5:2) nicht über die Gruppenphase in der Europa League hinaus.

Finanzielle Lage ist angespannt

Vor dem ersten Spiel gegen Fehervar FC hat die „Südkurve Köln“ nun aufgerufen, auf farbliche Vielfalt im Stadion zu verzichten, um Geschlossenheit auf den Rängen zu zeigen. „Lasst uns dafür die roten Klamotten rausholen und den Jungs auf dem Platz zeigen, dass wir ihnen den Weg nach Prag notfalls mit unseren eigenen Händen pflastern.“ In der tschechischen Hauptstadt findet am 7. Juli 2023 das Conference-Leauge-Finale statt. Die farbliche Einheit soll, so die Bitte, nicht nur beim Heimspiel gegen die Mannschaft aus Ungarn herrschen, sondern für die ganze Europapokal-Reise des 1. FC Köln gelten – daheim und auswärts.

Der Klub hat für die internationalen Spiele eigens ein rot-weiß gestreiftes Trikot aufgelegt – auch in dem Glauben, wie es Philipp Türoff, Finanz-Geschäftsführer, formulierte, „dass wir in dem frischen Design mit den handgemalten Linien eine gute Figur in Europa machen werden“. Die Teilnahme an der Gruppenphase würde dem Verein 2,94 Millionen Euro einbringen. Geld, das der Klub, der ob der Corona-Pandemie dem Vernehmen nach 85 Millionen Euro weniger Einnahmen hatte, gut gebrauchen könnte. Selbst wenn durch den Verkauf von Salih Özcan und Modeste, die nun beide in Dortmund unter Vertrag stehen, etwas Geld in die Kassen geflossen ist. Der Verlust des Duos – Özcan war Stabilisator im Mittelfeld, Modeste ein Garant für Tore – schmerzt aus sportlicher Sicht, aber aus finanzieller ist der Klub auf Transfers wie diese angewiesen.

„Sportlich gesehen wäre die Qualifikation für die Gruppenphase für den FC und alle Akteure hier im Verein ein absolutes Highlight. Viele von uns haben das noch nicht miterlebt, sowohl im Trainerteam als auch in der Mannschaft“, erklärte Sport-Geschäftsführer Christian Keller gegenüber WELT. „Deshalb freuen wir uns sehr darauf. Gleichzeitig haben wir die Möglichkeit, mit dem FC als Marke ein positives Zeichen im internationalen Umfeld zu setzen. Aus finanzieller Sicht ist ebenfalls klar, dass uns die Zusatzerlöse gut tun würden.“