Feiern – auch wenn nicht feststeht, was genau

  • 9. Mai 2022

Beitrag in der FAZ

Conference League oder Europa League – für den 1. FC Köln spielt das bei der Etatplanung eine entscheidende Rolle

dat. Köln. Es war ein reichlich schräges Bild, das Jonas Hector abgab, als er am Samstagnachmittag in der Kölner Frühlingssonne saß, erschöpft und niedergeschlagen. denn um den Kapitän des 1. FC Köln herum toste ein kölnischer sturm des Jubels. Tausende Anhänger kletterten über die Zäune und feierten die erst zweite Qualifikation ihres Klubs für einen europäischen Wettbewerb seit der Jahrtausendwende. Hector hingegen war enttäuscht, weil sein Team nach einem Tor des früheren FC-spielers Yannick Gerhardt (43.) 0:1 gegen den VFL Wolfsburg verloren hatte. und weil die kleine Chance, vielleicht sogar die Champions League zu erreichen, dahin war. Also floh er in die Kabine, auf das gemeinsame fest mit den Anhängern mochte sich nur Anthony Modeste kurz einlassen, der sich auf Händen tragen ließ, bevor er sagte: „Wenn ich sehe, wo wir herkommen, letzte Saison sind wir fast abgestiegen, jetzt Europapokal, Fußball ist schön.“ Der 1. FC Köln ist in seinem letzten saisonspiel vor eigenem Publikum in eine seltsame Ambivalenz der Empfindungen hineingeraten.

Viele Anhänger wollten unbedingt feiern, manche hofften womöglich sogar, jenes ekstatische fest aus dem Mai 2017 wiederholen zu können, als die Kölner am letzten Spieltag die Qualifikation für die Europa League geschafft hatten. Aber das funktionierte nicht. weil das Team verloren hatte, weil die Saison noch nicht zu Ende ist und die Spieler fokussiert bleiben müssen. schließlich steht noch ein entscheidendes spiel in Stuttgart bevor, in dem beantwortet wird, ob der Klub nicht nur in der Conference League, sondern vielleicht sogar in der Europa League spielen kann. Ihm sei „nicht nach Feiern zumute“, sagte Trainer Steffen Baumgart, „aber wenn ich auf die Tabelle schaue, grinse ich trotzdem in mich hinein.“

Der Sprung auf den Europa-League-Rang wäre allerdings schon von immenser Bedeutung, nicht nur weil es sich hier um den höherklassigen Wettbewerb handelt, in dem größere antritts- und punkt-prämien ausgeschüttet werden. Hier wäre der Klub auch direkt für die Gruppenphase qualifiziert und hätte drei lukrative Heimspiele sicher, während die Conference-League-Teilnehmer zunächst eine Play-Off-Runde überstehen müssen. Die wirtschaftliche Bedeutung dieses Erfolges lässt sich also noch gar nicht ermessen, vielleicht blieben Trainer Baumgart und ein Großteil der Mannschaft auch deshalb eher reserviert. ob die Fans im Moment solch eines noch gar nicht in seiner ganzen Dimension erkennbaren Erfolges auf den Platz rennen müssen, lässt sich daher kontrovers diskutieren, aber im Kölner Fall gibt es auch Gründe für den Überschwang.

Der Fußball der Mannschaft ist so attraktiv wie seit Jahrzehnten nicht, auch das Spiel gegen Wolfsburg war sehenswert. „wir haben eine überragen-de Saison gespielt, man sollte den Jungs ein Riesenkompliment machen“, sagte Baumgart. aber es geht eben weiterhin um viel. für den Erhalt des Kaders wäre die Planungssicherheit, die sich in der Europa League ergeben würde, womöglich sogar essenziell. „ein gutes Stück Zukunft wurde schon verfrühstückt, sodass schon gewisse fesseln an der Kaderplanung liegen“, hat der neue Sportdirektor Christian Keller Anfang April gesagt. „Es wird laut Planung den geringsten personalaufwand der profi-abteilung geben, den der FC in den letzten Jahren hatte – knapp 20 Prozent weniger als in der laufenden Saison.“ womöglich entscheidet sich beim letzten Spiel in Stuttgart nicht zuletzt, welche der Topspieler Modeste, Salih Özcan und Ellyes Skhiri verkauft werden müssen.