Die Fans stürmen, die Spieler fliehen

  • 9. Mai 2022

Beitrag auf sueddeutsche.de von Milan Pavlovic

Tornetze werden zerschnitten, Elfmeterpunkte zersäbelt, die Tore demontiert: Trotz der unnötigen Heimniederlage gegen Wolfsburg feiern Kölns Fans den Einzug in den Europapokal mit einem Platzsturm – manche Szenen wirken etwas selbstverliebt.

Jonas Hector sank im Mittelkreis zu Boden, diese 0:1-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg hatte ihn doppelt mitgenommen. Aber viel Zeit zur Trauer blieb dem Kapitän des 1. FC Köln nicht. Denn von links und rechts nahten Fans des selbsternannten Karnevalsvereins, sie wollten Hector herzen und beglückwünschen zur Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb in der kommenden Saison. Hector war so viel Zuneigung unheimlich, mühsam bahnte er sich den Weg in die Umkleide, während Tausende Fans den Platz stürmten und eine Dreiviertelstunde lang nur von einer Hundertschaft Ordner und einem dünnen Seil zurückgehalten werden konnten.

Es waren zweischneidige Momente, die im Müngersdorfer Stadion zu erleben waren. So nachvollziehbar die Freude der Anhänger nach all den Entsagungen der Corona-Zeit war, so selbstverliebt wirkten viele Gesten, hart am Rand der Selbstinszenierung und damit ganz anders als die Stimmung in der Innenstadt, die schon am Mittag ausgelassen, aber bei aller Begeisterung friedlich war.

Der Platzsturm hatte sich schon in der letzten Viertelstunde des Spiels abgezeichnet, als die Kunde über die nahende Heimniederlage von Kölns Verfolger Hoffenheim die Runde machte (ausgerechnet gegen Leverkusen, Kölns Nemesis von der Schäl Sick, der oft verspotteten rechten Rheinseite). Während die FC-Spieler versuchten, die Heimniederlage zu verhindern, wurden in der Südkurve Pyros entflammt und Positionen an und auf den Zäunen eingenommen.

Guter Witz: Ein FC-Sprecher droht den Platzstürmern vor dem Anpfiff mit Stadionverboten

Gebetsmühlenartige Erinnerungen des Stadionsprechers an die vernebelten Fans, das Abfackeln der Feuerwerkskörper bitte zu unterlassen, wurden ignoriert, und nach dem Schlusspfiff gab es kein Halten mehr: Die Tornetze wurden zerschnitten, die Elfmeterpunkte zersäbelt, die Tore demontiert, Goalgetter Anthony Modeste wurde von den Fans kurz auf Händen getragen, wie 2017 – als der FC ähnlich unerwartet auf Platz fünf und in der Europa League gelandet war. Dann floh aber auch der Franzose in die Katakomben, wo er witzelte: „Auf Händen getragen zu werden, ist eindeutig besser, als getreten zu werden.“

Lange vorher hatten Klubverantwortliche den Platzstürmern mehrfach Stadionverbot angedroht, aber wer würde gut 10 000 Anhängern den Weg zu ihrer Heilstätte verwehren? Ursprünglich sollte die Mannschaft sich nach dem Abpfiff noch einmal feiern lassen, aber nachdem das Vorspiel schon so überbordend ausgefallen war, wurde auf diesen Programmpunkt verzichtet. „Ihr könnt nach Hause fahren“, hieß es offiziell: „Die Mannschaft kommt definitiv nicht mehr raus, sie bereitet sich schon auf das nächste Spiel in Stuttgart vor.“ Den Fans schien das irgendwann egal zu sein, sie feierten dann eben sich selbst.

Nach einer Weile kamen sie auf die Idee, sich darum zu bemühen, Steffen Baumgart mit Sprechchören noch einmal auf den Platz zu lotsen – aber dem Kölner Trainer war „nicht nach Feiern zumute“, nicht nach dieser Niederlage. Dass die Fans feiern wollten, sei ja okay, aber das ginge für die Spieler nicht: „Wir können eine Polonaise durch die Stadt machen. Aber wir können nächste Woche auch noch Platz sechs kriegen“, da müsse man die Konzentration hochhalten.

Keine Frage, diese Niederlage hatte ihn gewurmt, auch weil das Chancenverhältnis am Ende 6:1 lautete. „Als ich gesehen habe, dass Köln 34 Flanken geschlagen hat, musste ich schmunzeln“, sagte Wolfsburgs Trainer Florian Kohfeldt, „weil wir am Ende schon einige Kopfballduelle gewinnen mussten.“

Am Ende sieht es fast wie bei Getümmeln im Rugby aus

Baumgart sah den Grund für das 0:1 in den ersten Minuten, als der FC bei zwei Großchancen an Ersatztorwart Pavao Pervan scheiterte, der nach sechs Niederlagen erstmals ein Bundesliga-Spiel gewann. „Am vergangenen Spieltag“, beim 4:1 in Augsburg, „haben wir unsere ersten Chancen genutzt – diesmal eben nicht“, so brachte es Baumgart auf den Punkt. Wolfsburg hingegen nutzte die erste und letztlich einzige seriöse Gelegenheit (in der 43. Minute traf der ehemalige Kölner Yannick Gerhardt). Am Ende belagerte Köln den gegnerischen Strafraum, es sah weniger wie Fußball aus, eher nach Getümmeln wie beim Rugby.

Baumgart, der Mann, dem der Aufschwung des Klubs zu großen Teilen zugeschrieben wird, war hin- und hergerissen, weil er genau wusste, dass der FC mit Freiburg hätte gleichziehen können: „Einerseits ärgere ich mich über die Niederlage, aber nur über das Ergebnis, denn wenn ich auf die Tabelle gucke, sehe ich mich innerlich grinsen.“

Dieser Widerspruch passt zu seinen gemischten Gefühlen beim ersten Saisonfazit: „wenn wir jetzt schon wieder anfangen, auf das zu schauen, was wir verloren haben, dann schauen Sie sich die Saison an und was wir alles gewonnen haben, nur das zählt. Wir haben eine überragende Saison gespielt und man sollte den Jungs ein großes Kompliment machen. Mir fällt es zwar etwas schwer, jetzt Euphorie zu empfinden über den siebten Platz. Anderseits freut es mich natürlich, dass wir in einer internationalen Qualifikation spielen.“ Torjäger Modeste ergänzte: „Wenn ich sehe, wo wir herkommen mit dem Beinahe-Abstieg letzte Saison und dieses Jahr einfach Europa. Der Fußball ist schön, und wir müssen das einfach genießen.“

Und so bleibt am Ende festzuhalten: Mindestens Siebter am Saisonende, das hatte selbst der Coach bei seiner forschen Zielsetzung für diese Saison (Plätze acht bis zwölf) nicht erwartet, „ich bin ja kein Hellseher“. Sonst hätte er bestimmt Jonas Hector vor dessen eigenen Fans gewarnt.