Die Euphorie in Köln ist groß – und der Sparzwang ebenso

  • 1. Mai 2022

Beitrag auf welt.de von Oliver Müller

Der 1. FC Köln spielt seine erfolgreichste Saison seit langer Zeit. Der Traum von der Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb lebt. Doch ausgerechnet jetzt, wo der Sprung in den Europapokal möglich ist, muss abgespeckt werden.

er will, kann kommen. Er kann den Fußballprofis des 1. FC Köln beim Training zuschauen, ein bisschen fachsimpeln, sich ein Autogramm von seinem Lieblingsspieler holen. Manchmal ist sogar ein Selfie oder ein Pläuschchen mit Trainer Steffen Baumgart drin. Es gibt auch die Möglichkeit, sich auf die Sonnenterrasse des „Geißbockheims“ zu setzen und Kaffee oder Kölsch zu trinken. Hier kommt oft auch der eine oder andere Spieler vorbei – oder halt Baumgart.

Der 50-Jährige, Markenzeichen Schiebermütze, hält im Gegensatz zu den meisten seiner Bundesligakollegen, die es vorziehen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren zu lassen, gar nichts von Abschottung. Er genießt den Umgang mit den Fans – und die mögen seine Art. Kaum ein Trainer coacht so emotional, kaum jemand jubelt so schön. Und dazu hat er ja auch allen Grund: Die Mannschaft, die er nach der vergangenen Saison als Fastabsteiger übernommen hatte, kämpft um etwas, das damals völlig utopisch schien: die Qualifikation für das internationale Geschäft.

An diesem Samstag tritt der FC beim FC Augsburg an (15.30 Uhr, im Sort-Ticker der WELT). Sollte der vierte Sieg in Folge gelingen – der Traum vom europäischen Fußball dürfte sich für den aktuell Tabellensiebten noch realer anfühlen. Für das letzte Heimspiel am kommenden Samstag gegen den VfL Wolfsburg sind schon über 200.000 Kartenanfragen eingegangen.

Die Anhänger rennen dem FC die Bude ein. Das hat natürlich zuallererst mit dem Erfolg zu tun, allerdings auch damit, dass der Klub auch außerhalb des Platzes vieles richtig gemacht hat – oder halt „spürbar anders“, wie der Claim des Traditionsvereins lautet. In dieser Saison wird der aber mal so richtig mit Leben gefüllt.

Köln geht mit finanziellen Zwängen ungewöhnlich offen um

Das zeigt sich bezeichnenderweise auch im Umgang mit den Problemen. Die sind zwar wegen des Höhenflugs in den Hintergrund gerückt – aber dennoch nicht unerheblich. Der Klub muss dringend sparen und geht damit ungewöhnlich offen um. Die Umsatzeinbußen aufgrund von über zwei Jahren Corona-Pandemie und dem Wegfall von Zuschauereinnahmen sind zwar kein Kölner Einzelschicksal. Doch die Auswirkungen der Krise haben sie härter getroffen als viele Konkurrenten. Denn es gibt kaum Reserven.

„Ein gutes Stück Zukunft ist schon verfrühstückt worden“, erklärte Christian Keller, der neue Sportgeschäftsführer. Um den Einnahmerückgang von gut 85 Millionen Euro aufzufangen, ließ sich der Klub Sponsorengelder bereits vorab auszahlen. Zudem wurde eine Landesbürgschaft aktiviert. Das wiederum bedeutet, dass ausgerechnet jetzt, wo der Sprung in den Europapokal möglich ist, abgespeckt werden muss. Die kommende Mannschaft muss, egal, ob sie nun international spielt oder nicht, deutlich günstiger werden.

Keller, erst seit Anfang April im Amt, warnte deshalb schon einmal vor. Zur nächsten Saison müsse der Gehaltsaufwand für den Lizenzspielerbereich im Vergleich zum aktuellen „um knapp 20 Prozent“ gekürzt werden. Es müsse wohl mit dem „geringsten Personalaufwand, den der FC in den vergangenen Jahren hatte“ gearbeitet werden. Zusätzlich, so Keller, sollen Transfereinnahmen erwirtschaftet werden.

Deshalb wird bereits seit geraumer Zeit hinter den Kulissen daran getüftelt, wie sich trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten möglichst viel sportliche Substanz erhalten lässt. Leicht wird das nicht, zumal die Erfolge auch Begehrlichkeiten geweckt haben – sowohl bei den eigenen Spielern als auch bei der Konkurrenz.

„Ich sehe keine Gefahr“, sagt Baumgart

Der Bieterwettbewerb um Torjäger Anthony Modeste, trotz seiner 34 Jahre immer noch die Lebensversicherung der Mannschaft, hat längst begonnen. 17 Saisontreffer hat der Franzose erzielt. Derzeit ist jedoch ungewiss, ob er seinen 2023 auslaufenden Vertrag noch einmal verlängern wird. Das Gleiche gilt auch für Salih Özcan, 24. Der türkische Mittelfeldspieler ist der Shootingstar der aktuellen Saison und entsprechend umworben. Dies sind Themen, die in früheren Jahren durchaus Potenzial gehabt hätten, die euphorische Stimmung mehr als nur zu dämpfen. Droht etwa die Gefahr, dass eine erfolgreiche Mannschaft auseinanderfällt?

„Ich sehe keine Gefahr, das gehört zu meinem Job dazu“, hält Baumgart dagegen. „Wir können viel über Romantik im Fußball reden – am Ende geht es doch um Geld“, sagt er unverblümt offen. Ihn selbst belaste dies jedenfalls nicht. „Meine Aufgabe ist ja nicht nur, eine Mannschaft zu entwickeln, sondern auch Marktwerte zu entwickeln.“ Um die Zukunft sei ihm jedenfalls nicht bange. Im Gegenteil: Es spreche für den Klub, mittlerweile über Spieler zu verfügen, die auch für andere Vereine interessant sind.

Es ist der gesunde Realismus und die Entschlossenheit von Baumgart, die Hoffnung macht, dass diese gute Saison keine Ausnahme bleiben muss. „Unser Weg geht weiter, und ich glaube, dass es genug gute Jungs gibt, die unseren Fußball spielen wollen. Und dann werden wir auch unsere Mannschaft zusammenkriegen – unabhängig davon, ob wir nun 20 Prozent weniger ausgeben dürfen oder nicht“, erklärt er. Ablösefreie Spieler, Leihgeschäfte oder junge Talente – es gebe immer Möglichkeiten.

Zudem habe der Klub auch eine neue Trumpfkarte im Ärmel. „Wenn ich als Trainer mit einem Spieler spreche und ihm den FC interessant machen will, dann fällt mir das heute viel leichter als im vergangenen Jahr“, sagt Baumgart. Daran ist er nicht ganz unschuldig.