Acht Spiele, ein Punkt

  • 25. April 2022

Beitrag auf sueddeutsche.de von Ulrich Hartmann

Bielefeld verschwendet auch nach dem Trainerwechsel weiter seine Ressourcen: Nach dem 1:3 gegen Köln scheint die Arminia nun geradewegs auf die zweite Liga zuzusteuern.

„Lebe nachhaltig“, stand am Samstag auf den Sondertrikots des 1. FC Köln. Als subtiler Hinweis auf die Verschwendung von Trainer-Ressourcen beim Kontrahenten Arminia Bielefeld oder ganz generell als Appell für einen nachhaltigeren Umgang mit Führungspersonal im Profifußball war das allerdings nicht zu verstehen.

Nachhaltigkeit ist ein Schlüsselwort zur Schonung des ausgebeuteten Planeten; für dessen Schicksal ist die Besetzung einer Trainerstelle in dem Städtchen Bielefeld zwar nachrangig, ganz unpassend erschien der Kölner Trikot-Slogan im ostwestfälischen Fußballkontext gleichwohl nicht. Denn auch Bielefelds neuer Cheftrainer Marco Kostmann, ehedem Torwarttrainer, sagt über seine Mission bei der Arminia: „Die Wiederbelebung der Ressourcen – das ist das, was ich will.“ Er bezieht seinen Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit freilich auf die Spieler und ihr zuletzt verlorenes Fußball-Glück.

Nachhaltig war in der Historie von Arminia Bielefeld selten etwas. Man tauschte Ligen und Trainer wie die Trikots und wechselte rasant zwischen erster, zweiter und dritter Klasse hin und her. Dass momentan akut der Abstieg in die zweite Liga droht, war der Grund dafür, dass der Klub vergangene Woche kurzerhand Trainer Frank Kramer freistellte und Torwarttrainer Kostmann zum Chef beförderte.

Beim Gastspiel in Köln nun sollte der Trainerwechsel am viertletzten Spieltag möglichst schnell Wirkung zeigen, eine vergebliche Hoffnung: Nach 122 Sekunden führte der 1. FC Köln schon 1:0 durch Mark Uth, nach weiteren Treffern von Anthony Modeste (43.) und Jan Thielmann (86.) – bei einem Gegentreffer durch ein Eigentor von Timo Hübers (33.) – gewann Köln 3:1. Die Bielefelder scheinen auf geradem Wege in die zweite Liga zu sein. Ihre Ausbeute aus den jüngsten acht Spielen beträgt einen Punkt.

Als die Bielefelder 2009 letztmals aus der Bundesliga abgestiegen waren, trafen die damals Verantwortlichen eine noch kühnere Entscheidung als jetzt Arminias Sportdirektor Samir Arabi mit seinem Trainerwechsel am viertletzten Spieltag. Damals wurde am allerletzten Spieltag der Trainer Michael Frontzeck durch den Routinier Jörg Berger ersetzt, doch ein finales 2:2 gegen Hannover genügte nicht, um die Klasse zu halten.

„Es liegt nicht am Trainer – es liegt an den Spielern.“

Jetzt, nach dem 1:3 in Köln, bleiben Bielefeld immerhin noch drei Partien, um den vorletzten Tabellenplatz zu verlassen. Das wegweisende Spiel ist wohl schon das gegen Hertha BSC Berlin am kommenden Samstag. „Das müssen wir unbedingt gewinnen“, fordert Angreifer Patrick Wimmer, der Bielefeld im Sommer verlässt und in der kommenden Saison für den VfL Wolfsburg spielt. Wimmer sagt über die Arminia-Misere aber noch etwas: „Es liegt nicht am Trainer – es liegt an den Spielern.“

Wenn diese These stimmt, dann verwundert es nicht, dass Bielefeld am Samstag zwar genauso munter mitspielte wie in den Wochen zuvor, aber auch genauso hilflos dabei wirkte, Gegentore zu verhindern und Tore zu schießen. 2:20 lautet Arminias Torverhältnis aus den vergangenen acht Spielen. Kostmann, dem man in Michael Henke einen erfahrenen Co-Trainer an die Seite gestellt hat, lobte nach dem Abpfiff „Spielwut, Engagement, Entschlossenheit und Überzeugung“, aber es sieht momentan so aus, als stiege die Arminia mit derartigen Selbstkomplimenten in die zweite Liga ab.

Kölns Polster wächst auf stattliche 49 Punkte

Was eine mutmaßlich dem Abstieg geweihte Mannschaft leisten kann, wenn sie nur den richtigen Trainer bekommt, das lässt sich vorbildlich beim 1. FC Köln beobachten. Dort führt der vor Jahresfrist installierte Neue, Steffen Baumgart, eine Mannschaft, die in der vergangenen Saison nur durch einen Sieg in der Relegation gegen Holstein Kiel in der Bundesliga verblieben war, nun vielleicht sogar in den Europapokal. Nach dem dritten Sieg in Serie mit je drei eigenen Treffern steht Köln derzeit auf dem siebten Platz. Dieser könnte zur Teilnahme an der Conference League genügen. Verbessern sich die Kölner noch, könnte es sogar für die Europa League reichen. Nur unverbesserliche Träumer sehen den 1. FC womöglich sogar in die Champions League einziehen – also so ziemlich alle FC-Fans.

Die 49 Zähler, die Köln nach 31 Spieltagen bereits gesammelt hat, waren diesem Klub seit Einführung der Drei-Punkte-Wertung in der Bundesliga zuvor nur ein Mal gelungen, vor fünf Jahren unter dem Trainer Peter Stöger. Damals wurde der FC am Ende mit 49 Punkten Fünfter und kam später in der Europa League nicht über die Gruppenphase hinaus. Mit Baumgart träumen die Fans jetzt nicht nur von mehr Punkten, sondern auch von mehr internationalem Renommee.

Während sich Köln auf eine zweite Saison mit Baumgart freut, wird es in Bielefeld keine Trainer-Nachhaltigkeit geben. „Wir werden in der nächsten Saison einen neuen Trainer bekommen“, sagt der Sportchef Arabi: „Egal in welcher Liga.“