Zwischen Freude und Feindschaft

  • 16. April 2022

Beitrag aus der FAZ von Daniel Theweleit

Zwei Jahre lang hat die Rivalität zwischen den Fußballfans aus Mönchengladbach und Köln in der Corona-Pandemie geruht. Nun droht wieder ein emotionales Aufeinandertreffen. Die Polizei ist alarmiert.

Es war nur ein kurzer Moment, in dem am vergangenen Samstag eine tief empfundene Abscheu auf den Gesichtern in der Südkurve des Müngersdorfer Stadions erschien, während eigentlich ein herrliches Fest gefeiert wurde. Gerade hatte der 1. FC Köln in einem furiosen Spiel nach einem 0:2-Rückstand noch mit 3:2 gegen Mainz 05 gewonnen; die aktiven Fans, die erstmals seit Ausbruch der Pandemie wieder in alter Stärke angefeuert und gesungen hatten, waren mit einer denkwürdigen Show samt Happy End belohnt worden.

Doch als irgendwer das Lied von der „Elf vom Niederrhein“ anstimmte, auf die am besten „Stein um Stein“ geworfen werde, brach sieben Tage vor dem rheinischen Derby zwischen Mönchengladbach und Köln für einige Augenblicke blanker Hass hervor. Jene Fratze des Fußballs, die fast zwei Jahre verschwunden war aus den Stadien der Bundesliga.

Seit Anfang des Monats können wieder alle Zuschauer ohne Einschränkungen zu den Spielen gehen, womit auch die Ultras zurück sind, was vielerorts überschwänglich gefeiert wurde. „Die Kurven waren wieder voll, es war bunt, es gab eine Vielzahl an Choreographien“, sagt Philipp Beitzel von der Koordinationsstelle der Fanprojekte (KOS). „Alle haben danach gelechzt, wieder Fußball in der Gemeinschaft mit Freundinnen und Freunden zu erleben.“ Selbst der intensive Einsatz von Pyrotechnik, der nach außen hin von den Klubs bekämpft, in Wahrheit aber oft geduldet wird, trübte die allgemeine Wiedersehensfreude nicht. Manche Spieler, erlebten zum ersten Mal die ganze Wucht der deutschen Fankultur. „Es hat sich mit Sicherheit bei den Leuten einiges angesammelt, was jetzt aus dem Ventil rausmuss. Dazu gehören die Choreographien, und dazu gehört die Pyrotechnik“, sagt Beitzel. „Dazu beginnt gerade die Phase der Saison, in der es grundsätzlich emotionaler wird“, und das kann heikel werden.

Das rheinische Derby hat sich in den vergangenen Jahren zum brisantesten Duell im deutschen Profifußball entwickelt, immer wieder gab es heftige Auseinandersetzungen, auch Gewalt. Die Polizei ist alarmiert und sprach sogenannte Bereichsbetretungsverbote für 121 Fans aus beiden Lagern aus. 35 weitere Personen, die dem Umfeld der Borussia angehören, erhielten Gefährderanschreiben, mit der Botschaft, dass sie unter besonderer Beobachtung stehen und sich deshalb besser nicht an Straftaten beteiligen sollten. Während der Pandemie sei die Rivalität zum FC „auf Pause gesetzt“ worden, berichtet Thomas Ludwig vom Fanprojekt Mönchengladbach Supporters Club (FPMG), entspannt sei das Verhältnis aber keinesfalls. Er habe daher „größten Respekt“ vor der Begegnung am Samstag, sagt Ludwig, „es wird ja gerade ein Banner der Gruppierung Boyz aus Köln in einem Gladbacher Keller vermutet, und das ist natürlich etwas, was die Rivalität und das Potential einer Auseinandersetzung im Hintergrund köcheln lässt“.

Seit mehr als einem Jahrzehnt stehlen sich Gladbacher und Kölner Anhänger gegenseitig Banner, und weil der Verlust solch eines Transparents gemäß dem Ultra-Kodex umgehend zur Selbstauflösung der betroffenen Gruppierung führt, gibt es die Boyz nicht mehr. Aber das Bedürfnis nach Rache ist geblieben. Erst im Herbst, als die Ultras den Spielen aufgrund der damals geltenden Test- und Impfregeln noch fernblieben, tauchte eine Gruppe Kölner im Vorfeld des Hinspiels in Mönchengladbach auf und wurde von der Polizei gestoppt. Was am Samstag passieren wird, ist unklar, aber Carsten Blecher vom Kölner Fanprojekt sagt: „Vielleicht ist es ein bisschen ungünstig, dass dieses Spiel gerade jetzt kommt: Wo alle eigentlich voller Euphorie ins Stadion gehen, trifft man auf den Erzfeind.“ Genau wie viele andere wünscht Blecher sich eigentlich, dass die gute Stimmung der vergangenen Wochen möglichst lange ungetrübt bleibt.

Denn eigentlich ist der Moment sehr schön für die aktiven Anhänger. Die meisten Fanszenen sind besser durch die Pandemie gekommen als zwischendurch befürchtet, nachdem während der Lockdowns immer wieder zu hören war, dass Teile der Anhängerschaft verloren gehen könnten. „Man darf nicht vergessen, welche Enttäuschungen die Fans in den zwei Jahren erlebt haben“, sagt Beitzel von der KOS. Es gab die Debatte über die Super League für separatistische Großklubs, Empörung über die fortgesetzte Bundesligasaison, während Schulen geschlossen blieben, und so weiter. „Viele empfanden es als sehr unsympathisch, wie der Fußball sich in dieser Zeit präsentiert hat“, berichtet Carsten Blecher. Viele Ultras seien zerrissener denn je: Einerseits sehen sie den Profibetrieb „noch kritischer als vorher schon“, zugleich sei aber „die Liebe zum Fußball und zu den Vereinen und zur Ultrakultur so groß, dass sie jetzt doch wiederkommen“. Der Gladbacher Fanfunktionär Thomas Ludwig beschreibt die „Vollbremsung“ der Pandemie als „kalten Entzug“, in dessen Verlauf er „vieles hinterfragt“ habe. „Irgendwann war die Sinnfrage aber dann geklärt, und dann wurde zumindest mir klar: Die Sehnsucht nach dem Stadion ist noch da.“

Allerdings differenziert Ludwig inzwischen ganz klar zwischen „zwei Welten“: Da sei einerseits der „Mikrokosmos Borussia“, mit dem er sich weiterhin voll identifiziere, während er „die andere Welt mit UEFA, mit FIFA, Qatar ohne jede Leidenschaft und Emotion nur noch zur Kenntnis“ nehme. Das Derby gegen den FC gehört selbstverständlich zu jenem Teil des Fußballs, den Ludwig weiterhin liebt, auch wenn er sich gewünscht hätte, dass die Ruhe der Pandemie das schwierige Verhältnis der beiden Klubs etwas entspannt. „Unser Ansatz aus dem FPMG Supporters Club ist es, die Rivalität gewaltfrei zu leben. Sich gegenseitig die Zaunfahnen zu klauen hat dies in der jüngsten Vergangenheit nicht einfacher gemacht“, sagt er.