Der Bessermacher

  • 16. April 2022

Beitrag in der WELT AM SONNTAG von Oliver Müller

Steffen Baumgart ist fraglos ein sehr guter Trainer. Er optimiert beim 1. FC Köln in rasanter Geschwindigkeit die Mannschaft. Parallel verändert sich aber auch der ganze Verein deutlich. Baumgart hat sich diesem Projekt verschrieben.

Steffen Baumgart wurde schon ein wenig ungeduldig. Es ging im Geißbockheim um alle mögliche Themen – allerdings nicht um das, das ihm am Herzen lag. „Wenn es keiner aufmacht, mache ich es auf“, erklärte er also: „Wenn es geht, lass uns international angreifen. Also rufen wir es aus! Los geht’s!“ Damit hatte keiner der Anwesenden gerechnet. Schließlich hatte Baumgart selbst in den vergangenen Monaten sämtliche Fragen im Hinblick auf eine Qualifikation für die Conference League oder gar Europa League abgebügelt. Nun, da der Klassenverbleib rechnerisch geschafft ist, sei es aber an der Zeit, sich neue Ziele zu setzen. „Manchmal gibt es eben neue Töne, so bin ich halt“, sagte der Trainer des 1. FC Köln und lachte.

Die Fans würden ihrem Klub die erstmalige Rückkehr auf die europäische Bühne nach fünf Jahren ohnehin zutrauen. Euphorische Begleitmusik war noch nie das Problem des FC – allerdings war die Enttäuschung deshalb oft umso größer. Am Ende der Saison 2017/18, in der die Kölner letztmalig in der Europa League spielten, stand auch der letzte Abstieg aus der Bundesliga. Doch in diesem Jahr ist vieles anders. Das wiederum hat vor allem mit Baumgart zu tun. Die Mannschaft, die sich vergangene Saison nur über die Relegation in der Bundesliga halten konnte, verblüfft Anhänger wie Kritiker. Sie spielt offensiv und mutig. Sie erzwingt erstaunlich oft ihr Glück: Vergangenen Samstag kämpfte sie Mainz 05 nach einem 0:2 noch mit 3:2 nieder. Ihr Fußball ist nicht filigran, aber stets emotional und sorgt regelmäßig für spektakuläre Live-Erlebnisse. Wenn Köln spielt, brodelt es.

In bereits 17 Spielen der laufenden Saison lagen die Kölner zurück – nur acht davon gingen verloren. Hier liegt die Ursache für den Höhenflug. Ohne die Partien, die nach Rückstand noch gewonnen wurden oder in denen zumindest ein Punkt gerettet wurde, wäre Köln auf Rang 17. Unter Baumgart ist das eingezogen, was viele woanders – teilweise auch bei in der Tabelle über den Rheinländern rangierenden Klubs – vermissen: Mentalität. Oder Haltung, wie es manche Trainer ausdrücken, weil sie ihren Spielern nicht zu nahe treten wollen.

Wie Baumgart das geschafft hat? So ganz eindeutig ist dies nicht zu beantworten. Fakt ist: Die Art des 50-Jährigen, der extrem engagiert coacht, spielt eine Rolle. Er ist extrem nah an seinen Spielern, redet sie stark und fordert sie immer wieder auf, etwas zu riskieren. Passieren Fehler, ist das nicht schlimm. Unter Baumgart geht es immer nur nach vorn. Erfolge fördern das Selbstbewusstsein, Spieler glauben plötzlich an Fähigkeiten, die ihnen frühere Trainer abgesprochen hatten. „Es geht darum, wie man mit den Jungs umgeht“, sagt Baumgart. Es sei mitnichten so, dass die Profis vor seiner Amtszeit keine Mentalität gehabt hätten: „Sonst hätten sie den Klassenverbleib nicht geschafft.“

Baumgart aber kitzelte den schlummernden Willen heraus. Torjäger Anthony Modeste, 34, etwa ist dank der direkten Art des Trainers wiederaufgeblüht. „Er sagt mir ins Gesicht, was er denkt und was er will“, so der Franzose. Mittlerweile sei sogar seine Frau auf Baumgart eifersüchtig, „weil ich so viele nette Worte über ihn verliere und ihm nach Toren Küsschen zuwerfe“. Ein anderer Spieler, der von Baumgart wachgeküsst wurde, ist Salih Özcan, 24. Der türkische Nationalspieler, geboren im Kölner Stadtteil Ehrenfeld, ist prädestiniert, „ein Gesicht“ des Vereins zu werden, sagt Baumgart. Das wurde aber nicht immer so gesehen. Noch vergangenen Sommer habe Özcan „auf der Abgabeseite gestanden“, so der Trainer. Baumgart kämpfte um ihn. Mittlerweile muss der Verein kämpfen, damit Özcan seinen 2023 auslaufenden Vertrag verlängert. Für Modeste, den sich viele Fans vor einem Jahr noch weggewünscht hatten, gilt das Gleiche.

Doch nicht nur die Mannschaft hat sich diese Saison gewandelt – der komplette Verein verändert sich. Mit Philipp Türoff kam im Dezember ein neuer kaufmännischer Geschäftsführer, im April folgte mit Christian Keller ein neuer sportlicher Geschäftsführer. Das Duo soll den FC in eine Zukunft führen. Köln, erst 2019 in die Erstklassigkeit zurückgekehrt, soll in der Bundesliga etabliert werden. Dazu gehören die Verzahnung mit der Nachwuchsabteilung und stetige Verbesserungen der Infrastruktur. Baumgart hat sich diesem Projekt verschrieben. Anfänglich rümpften viele die Nase, als er über den schlechten Zustand der Trainingsplätze schimpfte. Mittlerweile haben alle begriffen, dass er keine Alibis suchte, sondern Verbesserungen beschleunigen wollte. „Wir gehen alle den gleichen Weg, egal, was auf uns zukommt. Auch im nächsten Jahr wird einiges auf uns zukommen“, sagt Baumgart. Sein Vertrag läuft ebenfalls nur noch bis 2023. Kein Grund, unruhig zu werden, wiegelt er jedoch ab: „Wir wissen, was wir wollen.“

Die Herausforderungen reißen jedoch nicht ab. Corona hat Spuren hinterlassen. „Ein gutes Stück Zukunft ist schon verfrühstückt worden“, sagt Sportchef Keller. Es werde bei der Kaderplanung „gewisse Fesseln“ geben. Er rechne damit, dass der Personalaufwand für Lizenzspieler um 20 Prozent gekürzt werden müsse. Da wäre der Einzug in den Europapokal äußert hilfreich.

Samstag treten die Kölner zum rheinischen Derby bei Borussia Mönchengladbach an (18.30 Uhr, DAZN). Ein gutes Omen scheint es auch zu geben. Geißbock Hennes IX., das aktuelle Maskottchen, ist Vater geworden. Pikant: Die beiden Babyböckchen haben unterschiedliche Mütter.