Ein seltsames Paar

  • 9. November 2021

Beitrag auf sueddeutsche.de von Philipp Selldorf

Ohne den sturen Trainer Steffen Baumgart gäbe es den wieder topfitten Stürmer Anthony Modeste nicht, ohne Modeste hätte der 1.FC Köln noch keine 13 Punkte. Über eine ebenso überraschende wie gewinnbringende Symbiose.

Anthony Modeste hatte schon sehr viel erlebt an diesem Abend, aber es war noch nicht genug. Er war durchaus noch zu haben für eine abschließende Rauferei mit einem dieser borstigen Union-Spieler, und schon bahnte sich ein weiterer Zusammenstoß der Kategorie „Scharmützel“ an. Davon hatte es einige gegeben während der hitzigen Auseinandersetzung zwischen dem 1. FC Köln und Union Berlin, manchmal hatte sie der Schiedsrichter Tobias Stieler bewusst ignoriert, um den Beteiligten Gelegenheit zum Luftablassen zu geben.

Doch diesmal griff er ein. Abrupt nahm er den Ball an sich und beendete die Partie vor ihrer Zeit, und sobald er das getan hatte, verwandelte sich Modeste in einen Menschen mit Ruhe und Gelassenheit. Der gerade noch brodelnde Groll auf den Berliner Kollegen: erloschen. Nun schüttelte er die Hände von Freunden und klopfte die Schultern von Gegnern.

Hätten Forscher an diesem Abend den Adrenalinpegel des Kölner Stürmers gemessen, wären ihre Spezialgeräte vermutlich wegen Überforderung explodiert. Solche Werte sind medizinisch im Prinzip nicht vorgesehen. Unter anderem hatte Modeste zwei Tore zum 2:2 beigetragen, die Glücksgefühle lösten in ihm hemmungslose Reaktionen aus. Im wilden Jubel über den Ausgleichstreffer in der 87. Minute zog er seinem Trainer Steffen Baumgart die Mütze vom Kopf, um sie sich selbst aufzusetzen und damit einen Narren-Tanz aufzuführen.

Der Szene wohnten Anflüge von Anarchie und Aufruhr inne, und ein Trainer mit weniger Bodennähe als Baumgart hätte sich womöglich in seiner Autorität und Amtswürde herausgefordert gesehen. Baumgart beließ es bei einer dienstlichen Anweisung: „Macht weiter!“, befahl er dem tanzenden Modeste, denn, so erläuterte er später: „So ein Spiel ist nicht vorbei, wenn du dich über ein 2:2 freust – man muss im Spiel bleiben.“ Entweder um noch zu gewinnen oder um nicht noch zu verlieren.

Nur die Pfiffe von den Rängen stören die Kölner Harmonie

Die Beziehung zwischen dem Trainer Baumgart und dem Angreifer Modeste kündigt sich bereits nach vier Monaten Zusammenarbeit als ein besonders spannendes Kapitel für künftige Klub-Chroniken an. Man weiß nicht, ob sie wirklich so viel gemeinsam haben, aber man weiß, dass sie sich auf eine seltsame Weise mögen, und dass sie einander brauchen, als wäre das von jemandem bestimmt worden: Ohne den gegen alle Einwände sturen Förderer Baumgart gäbe es womöglich keinen Fußballstar Modeste mehr, jedenfalls keinen, der mit acht Toren auf Platz drei der Schützenliste steht und im Alter von 33 Jahren neu auf die Fußballwelt gekommen ist. Ohne Baumgart wäre der französische Stürmer möglicherweise bloß der unglückliche Lohnempfänger des Vorjahres, der dem Klub mit seinem hohen Gehalt schwer auf der Tasche liegt und auf eine vergangene Karriere blickt.

Andererseits gäbe es ohne den plötzlich wieder topfitten Modeste und seine immer wieder rettenden Tore keine 13 Punkte auf dem Kölner Konto und womöglich schon Gerede, ob das Lob für den neuen Reform-Trainer nicht doch etwas voreilig vergeben wurde. Man ist zwar in Köln durch Abstiege und Abstiegskämpfe an vieles gewöhnt, aber mancher Kölner ist auch schnell verwöhnt, wie sich am Sonntagabend zeigen sollte.

Ab und an machte sich Unzufriedenheit bemerkbar, als Baumgarts Elf dem 1:2-Rückstand gegen die eisernen Unioner hinterherlief und dabei nicht gleich ans Ziel fand. „Angepisst“ war Baumgart über die nicht allzu zahlreichen, aber vernehmlichen Pfiffe, das Verhalten der Leute sei „enttäuschend und ärgerlich“, sogar „bedenklich“, fand er. Der Trainer wies durchaus angriffslustig darauf hin, dass der Fußball des FC mit ihm anders aussehe „als in den zwei, drei Jahren zuvor“.

Auch der Sportchef Jörg Jakobs wunderte sich über die neue Erwartungshaltung einiger Besucher, nachdem der FC doch erst vor ein paar Monaten in der Relegation gegen Kiel gestanden habe. Pfiffe von den Rängen seien bei der Entwicklung eines eigenen Spielstils nicht hilfreich, hob Jakobs hervor: „Im Stadion in Köln sollte – abgesehen vom Schiri – nur einer pfeifen, das ist unser Trainer.“