Einwurf, Kopfball, Tor

  • 26. Oktober 2021

Beitrag in der SZ von Philipp Selldorf

Mit einem einstudierten Treffer bestätigt Köln den Positivtrend

Köln – Der Trainer Gerardo Seoane hat sofort reagiert, als sein Kollege Steffen Baumgart in der 77. Minute den Angreifer Sebastian Andersson einwechselte, im nächsten Moment brachte er als Gegenmittel den Verteidiger Edmond Tapsoba für den offensiven Moussa Diaby. Bayer Leverkusen hatte somit drei kopfballstarke Abwehrspieler auf dem Platz, während der 1. FC Köln mit zwei kopfballstarken Stürmern aufwartete. Und kaum fünf Minuten später trafen eben jene fünf Männer im Leverkusener Strafraum zusammen, um die Sache untereinander auszutragen. In dramaturgischer Beziehung darf man sich diesen Showdown tatsächlich wie im Western vorstellen: Die beiden Kölner zogen den entscheidenden Hauch schneller, woraufhin die drei Leverkusener nicht tot im Staub von Tombstone, aber besiegt auf dem Rasen in Köln-Müngersdorf lagen.

Das Tor, das den Kölnern das 2:2 gegen Bayer 04 sicherte und sie damit nach lange währendem 0:2-Rückstand zum heimlichen Derbysieger beförderte, sah auf den ersten Blick wie ein ausgesprochen schlichtes Tor aus: Einwurf Kingsley Ehizibue, Kopfballverlängerung Andersson, Kopfball Anthony Modeste ins Ziel, so simpel lief die Kontroverse ab. „Zweikopfballstarke Stürmer gegen drei kopfballstarke Innenverteidiger – ich glaube, das Duell hätten wir für uns entscheiden sollen“, stellte der schweizerische Trainer Seoane fest.

Kölns Trainer Steffen Baumgart provoziert Leverkusen erst – und schickt dann ergebene Grüße

Im Ton des Tadels schwang allerdings eine Spur Fatalismus mit. „Mag sein, dass einTor nach einem Einwurf ein billiges Tor ist“, bestätigte der Leverkusener Mittelfeldspieler Robert Andrich, aber das Verfahren sei nun mal seit jeher „ein wirksames Mittel“. Dieses Tor, wollte er damit sagen, sei weder für den Profiteur noch für den Geschädigten eine Schande.

In Zeiten, in denen Big Data im Fußball Einzug hält, und Trainer sich an der Bank (oder wie Julian Nagelsmann in der Küche) technische Kommandozentralen einrichten, wirkt ein solches Tor möglicherweise anachronistisch. Doch die einfachen Methodenwerden nie aus der Mode kommen, sie bleiben die Basis des Spiels und ständiger Lernstoff im Training. Baumgart war es beinahe unangenehm, dass der Doppeltorschütze Modeste im Interview nach dem Spiel verriet, man habe während der Woche diese Figur schwerpunktmäßig einstudiert: Einwurf, Kopfballverlängerung.

Schon während der ersten Halbzeit gegen Bayer gaben die Kölner davon Kostproben. Womöglich spekulierten sie dabei auf die bekannten Koordinationsschwächen im Leverkusener Abwehrverbund: Jonathan Tah ist – wie beim Kölner 1:2 zu sehen war – immer wieder für eine Fehleinschätzung gut, Nebenmann Odilon Kossounou, 20, im Sommer für viel Geld aus Belgiengekommen, befindet sich nach wie vor in der Kennenlernphase und darf einstweilen allenfalls als bedingt zuverlässig gelten.

Ja, erklärte Baumgart, „das war schon einstudiert, wir wollten, dass der Ball so dahin kommt, und wenn du einen Tick höher springst, dann geht der Ball halt rüber…“. Rüber zum Mitspieler, meinte er. Dass der Trick dann so ein erfolgreiches Ende nimmt wie bei Modestes 2:2, das sei aber bloß das Resultat einer „Millimeterentscheidung“ und überhaupt solle man „so was nicht zu hoch hängen“, so der Trainer.

Ein typischer Baumgart: Erst verursacht er Wirbel mit seinen Themen, dann mahnt er zur Besonnenheit. Vor dem Derby hatte er die Leverkusener mit seinen Aussagen zum ehemaligen FC-Spieler Florian Wirtz und zum Stellenwert beim rheinischen Publikum doppelt und dreifach provoziert, dann schickte er ergebene Grüße an Bayer-Sportchef Rudi Völler, der kräftig zurück gefeuert hatte.

Dieses 2:2 hat den Beziehungen der Nachbarn dennoch keinen Schaden zugefügt, zumal da die Leverkusener sich als faire Verlierer erwiesen. Keiner hat sich darüber beschwert, dass die Kölner ihnen unrechtmäßig zwei Punkte gestohlen hätten, die Proteste richteten sich gegen die eigene Adresse: Torwart Lukas Hradecky übertrieb nur geringfügig, als er die vielen vergebenen Konterchancen beklagte – „wir hatten Tausende davon!“ –, die Richtung der Kritik stimmte: In der zweiten Halbzeit habe man „einfach nur so daher gespielt“, schilderte Andrich den Kursverlust seines Teams. Mancher Kenner sah darin wieder Symptome der klassischen Leverkusener Erbkrankheit, die sich scheinbar von Spieler- Generation zu Spieler-Generation überträgt: ein Mangel an Ernsthaftigkeit, Entschlossenheit und Verbissenheit–letztlich ein Mangel an Motivation.

Aus eben diesen Eigenschaften leitete sich der Kölner Umschwung ein. Die Kölner kämpften sich zurück, unter anderem angeführt vom 33-jährigen Angreifer Modeste, dessen Bedeutung sich nicht nur im Tore schießen erschöpfte. Der Franzose, der mit sechs Saisontreffern und glänzenden Auftritten weiterhin sämtliche Prognosen seines persönlichen Abstiegs widerlegt, bleibt die Symbolfigur dieser neuentdeckten Kölner Mannschaft. Was nach einer Viertelstunde beim Stand von 0:2 – in gedanklicher Verbindung mit dem jüngst erlittenen 0:5 bei der TSG Hoffenheim – wie eine negative Trendumkehr aussah, das war zum Schluss eine willkommene Trendbestätigung. Baumgarts FC strengt auch in schwieriger Lage den Showdown an – und weiß ihn inzwischen auch zu gewinnen. -)