Wieder ein Action-Hit in Kinoqualität

  • 2. Oktober 2021

Beitrag auf sueddeutsche.de von Philipp Selldorf

Steffen Baumgart hat aus einem Fast-Absteiger einen Raketenstarter gemacht. Gegen Greuther Fürth zeigt sich, dass Intensität zum neuen Kölner Prinzip geworden ist.

Während das Kölner Publikum den soeben gefallenen, durchaus bahnbrechenden Treffer zum 3:1 bejubelte, ging im Kölner Trainer Steffen Baumgart eine Verwandlung vor. Sie war nicht ganz so verstörend wie bei der Metamorphose des braven Doktor Jekyll in den wüsten Mister Hyde, aber sie war zumindest ziemlich wunderlich. Dieses 3:1, das den Sieg des 1. FC Köln gegen die SpVgg Greuther Fürth sicherstellte, war ein wundervolles Tor mit aufregender Dramaturgie: Louis Schaub hatte den Ball nach abgewehrter Fürther Ecke über etwa 70 Meter vorangetrieben und im richtigen Moment an den in seinem Rücken herangeeilten Schützen Ellyes Skhiri weitergegeben – woraufhin sich dann jeder der 40 000 Besucher fragte, woher der wieder mal extrem arbeitsame Skhiri nach 90 Spielminuten die Kraft für den Sprint und die Konzentration für den feinen Torschuss nahm.

Aber diese Themen beschäftigten den Trainer Baumgart nicht. Er vertrieb sich die Zeit mit einem immerhin auch sehr sehenswerten Tobsuchtsanfall, offenbar in Reaktion auf die Entscheidung der Schiedsrichter, dass diese Partie noch vier Minuten Nachspielzeit erhalten sollte, denn es war der bedauernswerte vierte Offizielle Arno Blos aus Deizisau, dem sich der wütende Baumgart zuwandte. Hatte er etwa Sorge, dass der Sieg doch noch in Gefahr geraten sollte?

Letzteres dürfte kaum mehr der Fall gewesen sein, der ausdauernde Fürther Widerstand war mit dem dritten Gegentor unübersehbar gebrochen, und gegen vier Minuten Nachspielzeit hatte der Coach – wie er später sagte – gar nichts einzuwenden. In Wahrheit wusste Baumgart selbst nicht, warum er so sehr aus der Fassung geraten war, dass es aussah, als wollte er einen Mord begehen. „Einfach aus der Emotion heraus“ sei es geschehen, beschied er schulterzuckend.

Nach menschlichem Ermessen ist nichts Anderes als Lob zu erwarten, aber Baumgart guckt grimmig

Was anderswo immerzu Emotion heißt, ein Lieblingswort des Mediensports, das heißt in Köln immer noch „Jeföhl“. Das Gefühl für den FC ist in der Stadt zurzeit sehr präsent, man redet überall gern über den Verein und niemand vergisst dann, das Verdienst des Trainers hervorzuheben, der aus einem Fast-Absteiger einen Raketenstarter gemacht hat. Wobei es bei diesem Thema weniger um die sehr annehmbare Summe von zwölf Punkten nach sieben Spielen geht, als um die Art und Weise, wie der FC Fußball spielt. Jedes Liga-Spiel war bisher ein Action-Hit in Kinoqualität, die 2:3-Niederlage beim FC Bayern inbegriffen. „Steffen Baumgart wird Kanzler“ sang beharrlich eine Gruppe von Fans in der Südkurve.

„Das Kanzleramt kann noch ein bisschen warten“, dementierte Baumgart, dem es nicht ganz leicht fällt, mit dem kölschen Jeföhl umzugehen. Außer dass ihm die übermütige Ironie der Leute ein wenig suspekt ist, gehört es auch zu seinen Eigenheiten, Einwände zu erheben, wo alle auf seine Zustimmung zählen. Er argumentiert gern mal antizyklisch: Jemand fragte nach Skhiris ungeheurem Tor und Skhiris Auftritt, nach menschlichem Ermessen war nichts Anderes als Lob zu erwarten. Aber Baumgart guckte grimmig über sein Pult, als er den Namen des 26 Jahre alten Mittelfeldspielers hörte. „Er ist noch nicht so gut wie alle ihn machen“, hob er hervor.

Natürlich war dem Trainer nicht entgangen, dass der fleißige tunesische Nationalspieler mindestens anderthalb Tore geschossen und wieder eine überaus fürsorgliche Rolle gespielt hatte. Ja, ja, räumte Baumgart ein, Skhiri sei ein „sehr, sehr guter Spieler und sehr wichtig für die Mannschaft“, und ja, er gebe sein letztes Hemd fürs Team und laufe sehr viel. Aber, aber, aber: „Manchmal läuft er zu viel und manchmal läuft er falsch. Taktisch ist da noch Luft nach oben“.

Für das Treffen mit dem Aufsteiger Fürth wählt Baumgart eine offensive und eindrucksvolle Besetzung

Vor seinem Tor in der 90. Minute ist Skhiri jedenfalls den richtigen Weg und auch keinen Meter zu viel gelaufen, das Ereignis lag darin, dass er überhaupt gelaufen ist: „I can do it – so I have to do it“, erklärte er lächelnd, wenn ich es kann, dann muss ich es tun. „Die pure Energieleistung“, die der Sportchef Jörg Jakobs bei Skhiri gesehen hatte, ist nach seiner Meinung zum Kölner Prinzip geworden: „Die Intensität scheint unser Thema zu sein, das wiederholt sich Woche für Woche.“

Jede Woche tritt dieser FC an, als ob er ein K.o.-Spiel im Pokal austragen würde. Für das Treffen mit dem Aufsteiger Fürth wählte Baumgart die offensivste und eindrucksvollste Besetzung, die ihm einfallen konnte, aber wie so oft im Pokal ging erstmal der Außenseiter in Führung. Marco Meyerhöfer schoss nach sieben Minuten das 1:0 dank einer nicht vorhandenen Kölner Deckung. Und niemand weiß, wie der Abend geendet wäre, hätte Jeremy Dudziak nicht binnen fünf Sekunden zweimal hintereinander den Innenpfosten getroffen statt zum 2:0 (32. Minute). Wieder hatten die Kölner mit viel Risiko verteidigt, „das ist halt unser Ding“, stellte Jakobs fest. In der zweiten Hälfte setzten sich die Kölner dank der Tore von Sebastian Andersson (50.) und Skhiri (55. – in Co-Produktion mit Raphael Czichos -, 90.) durch, „verdientermaßen“, wie Fürths enttäuschter Trainer Stefan Leitl anmerkte.

Steffen Baumgarts Schwerpunkt liegt auf der Offensive, aber der Weg dorthin ist stets mit 1000 mühsamen Zweikämpfen verbunden. Die Mannschaft hat sich vom Sinn dieser ständigen Überwindung überzeugen lassen, die Abwehrspieler akzeptieren das höhere Risiko, die launischen Techniker Mark Uth und Ondrej Duda die harte Arbeit. „Unser Gesicht soll dieses Jahr sein, dass wir niemals aufgeben und immer aufs nächste Tor gehen“, fasste Abwehrchef Czichos den FC der Saison 21/22 zusammen. Wunsch und Wirklichkeit sind bisher ziemlich nah beieinander. Bei dieser Zwischenbilanz sind selbst der Doktor und der Mister im Trainer versöhnt: „Insgesamt sehen Sie mich lächeln“, sagte Baumgart – ohne auch nur im Geringsten ein Lächeln im Gesicht zu tragen.