Spielt die Musik künftig im Unterhaus?

  • 31. Mai 2021

Beitrag in DIE WELT

Die Zweite Liga ist ab sofort so stark, dass die Kölner sicherheitshalber doch nicht absteigen und die Kieler lieber drin bleiben wollten / Ein Querpass von Oskar Beck

Friedhelm Funkel ist 67. Er hat als Fußballtrainer viele Wunder vollbracht, aber das größte sicherlich diesen Samstag, in seinem vermutlich letzten Spiel vor der Rente. Der 1. FC Köln ist gerettet.

Eigentlich war das unmöglich. 0:1 hatten die Kölner ihr Heimspiel in der Relegation gegen Holstein Kiel verloren. Danach: tote Hose, Stimmung auf null. „Immer diese Scheißfragen“, pflaumte Kapitän Jonas Hector einen TV-Interviewer an. Spätestens in dem Moment war klar: Die Kölner sind erledigt, eher wird ihr Geißbock Hennes Galopper des Jahres. Von einer Bierdusche träumte keiner mehr.

Und nun das. 5:1 in Kiel. Kübelweise haben sie sich hinterher das Bier über die Köpfe geschüttet, und Funkel ist schier ersoffen im Bad. Kölle alaaf. Kölle alive. Köln lebt und feiert. Und Jonas Hector biss plötzlich nicht mehr ins Mikrofon, sondern brüllte seine Freude hinein: „Wir wissen, was der FC für die Stadt bedeutet.“ Torwart Timo Horn blies ins gleiche Horn und schrie hinterher: „Wir hängen halt mit dem Herz am Verein!“

Aber das allein kann der Grund für das Wunder nicht gewesen sein, denn drei Tage vorher war dieses Herz noch tot. „Die Mannschaft“, staunt auch Funkel, „hat jetzt in einer Weise gewonnen, die keiner vermutet hat.“ Schlag auf Schlag ist es in Kiel gegangen. Drei Tore nach dreizehn Minuten, am Ende waren es fünf. Es hätten auch acht werden können.

Was ist da geschehen? Friedhelm Funkel ist ein alter Fuchs. Er kennt sämtliche Varianten der Motivationskunst, und so, wie es aussieht, ist ihm an seinem letzten Tag noch eine besonders raffinierte eingefallen. Vermutlich hat er in der Mannschaftsbesprechung keine tüftelige Taktik ans Reißbrett gepinnt, sondern den Teufel an die Wand gemalt, genauer gesagt die abschreckende Liste der Klubs aus der künftigen Zweiten Liga – und dann mahnend den Zeigefinger erhoben: „Leute, wollt Ihr da in der nächsten Saison wirklich spielen?“

Die Zweite Hölle ist demnächst die Hölle. Sachverständige sprechen sogar schon von der besten Zweiten Liga der Welt, vorneweg Lothar Matthäus. Der Rekordnationalspieler hat in seiner Kolumne „So sehe ich das“ bei skysport. de vor ein paar Tagen erklärt: „Das ist eine Zweite Liga, wie es sie noch nie gab.“ Klubs mit über 300 Jahren Bundesligaerfahrung bekämpfen sich darin künftig, durch interne Machtkämpfe und jahrelanges Missmanagement hat sich das bei den meisten so ergeben, oder durch die heimtückischen Launen des Fußballgotts.

Man muss sich die Namen auf der Zunge zergehen lassen: Schalke, HSV, Werder, Düsseldorf, Dresden, Rostock, KSC, Nürnberg, Hannover und so weiter. Und man mag gar nicht dran denken, dass womöglich auch die hungrigen Löwen von 1860 München und die Roten Teufel aus Kaiserslautern wieder auf die Beine kommen und nächstes Jahr noch dazustoßen.

„Eine hochattraktive Liga“, zittert und freut sich Hannovers Boss Martin Kind schon jetzt. Sein Klub will da unten gar nicht mehr raus, schon im dritten Jahr in Folge sind die Hannoveraner demnächst dabei, und der HSV sogar im vierten. In Hamburg sagt der neue Trainer Tim Walter: „Platz vier ist kein Ziel.“ Vermutlich will er lieber Fünfter werden, denn es lebt sich prächtig in der Zweiten Liga: Hochspannung, bald wieder volle Stadien, packende Derbies.

Im Oberhaus werden die Ersten jedenfalls schon neidisch. Christian Heidel, der Sportvorstand von Mainz 05, staunt: „So eine Hammer-Liga gab es noch nie. Dafür fehlen in der Bundesliga die illustren Namen, das ist schon seltsam.“

Im Grunde tummelt sich da oben zusehends die Provinz: Mainz, Augsburg, Fürth, Bochum, Union, Bielefeld, Hoffenheim. Die Musik spielt eine Etage tiefer, das Unterhaus ist voll mit deutschen Ex-Meistern, Gründungsmitgliedern der Bundesliga oder Ex-Erstligisten wie Karlsruhe, Rostock und Dresden. Auch der FC Ingolstadt gehört seit gestern wieder dazu, der dortige Trainer Tomas Oral tanzt innerlich schon in der Vorfreude auf „diese hochinteressante zweite Liga“.

Aber vor allem die dazugehörigen Fans der großen Traditionsklubs können sie kaum erwarten. Sie werden die Stadien füllen. Schalke allein ist in der Lage, 160.000 Mitglieder in Bewegung zu setzen, sobald der Abstiegsschock überwunden ist. Mit geballter Traditionswucht ist zu rechnen, die Zweite Liga fühlt sich für jeden Nostalgiker an wie die Bundesliga vor dreißig Jahren.

An den Vorverkaufsstellen kommt es angeblich bereits zu Raubüberfällen, viele Fans sind beseelt von der panischen Angst, dass der Saisonstart ohne sie losgehen könnte. HSV gegen St. Pauli, Werder gegen Hannover, Schalke gegen Nürnberg: Da drohen und winken Invasionen, sobald die Saison der „Traditionskracher“ beginnt, die Fans stehen Schlange.

Die Zweite Liga garantiert den nostalgischen Charme des Althergebrachten. Statt falscher Neuner gibt es dort immer noch echte Mittelstürmer, die auf den hohen und langen Ball warten. Die Zweite Liga hat zwar keinen Messi, und überschaubar ist die Schar ihrer Zauberer, aber wie behauptet ein alter Wandspruch: Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.

So oder so: Vorbei sind die Zeiten, als die Zweite Liga die Endstation der Schande war und jeder Abstieg noch für pure Häme sorgte. Die Älteren erinnern sich an einen Absturz des 1. FC Kaiserslautern, über den sich der damalige Kanzler Helmut Kohl, während er sich unbeobachtet glaubte, glucksend mit dem Satz amüsierte: „Kaiserslautern in Meppen, haha!“ Heute spielen Klubs à la Meppen in der Bundesliga und blamieren sich gegen die Bayern, Dortmund oder Leipzig, während der HSV oder Schalke jetzt dort mitmischen, wo die Post abgeht – und wo mittlerweile jeder mitmischen will.

Wollte Holstein Kiel gar nicht aufsteigen?

Man darf die Frage getrost stellen, spätestens nach dem 1:5 am Samstag. Fast widerstandslos haben die Kieler den Aufstieg verweigert. Mehrere Matchbälle haben sie in den vergangenen Wochen vergeben, zunächst in der regulären Saison und jetzt den gegen Köln, als hätten sie sich im letzten Moment die siedendheiße Frage gestellt: Sollen wir uns in der Bundesliga ein Jahr lang verdreschen und am Ende wieder ausspucken lassen, bis wir in der Förde Kiel oben schwimmen?

Stattdessen winken ihnen einen Stock tiefer jetzt weiter lukrative Küstenknüller um die norddeutsche Meisterschaft, der HSV, Werder, St. Pauli und Rostock werden sich auf hoher See warm anziehen müssen. Kiels Kapitän Hauke Wahl hat sich jedenfalls nach dem 1:5 vor die Fans gestellt und gesagt: „Ihr wart erstligareif, vielen Dank.“ Die Mannschaft ist zwar weiter zweitligareif. Aber kann man neuerdings mehr wollen?