Mal noch schnell den 1. FC Köln gerettet

  • 31. Mai 2021

Beitrag auf sueddeutsche.de von Thomas Hürner

Friedhelm Funkel vollendet in seinem letzten Spiel als Trainer die Mission am Rhein. Auch für Manager Horst Heldt ist die Arbeit getan: Er muss gehen, trotz des Klassenerhalts.

In den letzten Minuten seines Trainerdaseins hätte Friedhelm Funkel gedanklich durch sein Lebenswerk wandern können. Eine Reise, die ihn über die ruppige Landesliga bis zur Mittelschicht des deutschen Profifußballs führte, nach Bochum, Duisburg, Frankfurt, Aachen. Zwischenzeitlich standen am Straßenrand auch mal Leute, die Funkel markige Worte hinterherriefen: Auslaufmodell, Ewiggestriger, höchstens noch als Feuerwehrmann zu gebrauchen. Dieses Niveau halt.

Doch Funkel, 67, ging beharrlich weiter, auch dann noch, nachdem er seine Trainerkarriere vor eineinhalb Jahren nach dem Aus in Düsseldorf offiziell für beendet erklärt hatte. Auf eine Weltreise hätte es jetzt gehen sollen, auf Skitouren und Tennisturniere. Am Ende musste Funkel jedoch tatenlos zu Hause bleiben, die verflixte Pandemie. Und dann erreichte ihn im April 2021 auch noch der Anruf aus dem Geißbockheim: Ob er, Funkel, nicht noch schnell den 1. FC Köln retten wolle?

Funkel willigte ein und landete dadurch am Samstagabend im Holstein-Stadion zu Kiel, beim Rückspiel in der Abstiegsrelegation. Beim ultimativen Showdown für Spieler, Trainer, Anhänger, also für gesamte Fußballklubs. Funkel aber stand seelenruhig am Spielfeldrand, während die Zeit seiner Trainerkarriere unaufhaltsam ablief. Und dann ertönte, endlich, der Abpfiff.

Unter den Kölnern entluden sich Erleichterung und Gefühlswallungen

In der Medizin heißt es immer: Wer heilt, hat recht. Im Fußball hat recht, wer gewinnt. Funkel aber hat mit diesem 5:1-Erfolg gegen Kiel beide Sparten zusammengeführt, er hat geheilt und gewonnen. Er fand die geeigneten Reanimationsmaßnahmen, um einem totgesagten Patienten wieder Leben einzuhauchen. Und falls noch jemand Zweifel an seiner Reputation als Coach gehabt haben sollte, dann war dieser Schlusspunkt die passende Antwort.

Eigentlich war jetzt ein Moment gekommen, der nach innerer Einkehr verlangte, nach Erdung. Ein stiller Gang übers Spielfeld wäre zum Beispiel angemessen gewesen. Noch mal alles Revue passieren zu lassen, die vergangenen Wochen, Monate, Jahrzehnte. Oder ein bedächtiger Blick auf die Tribünen des Holstein-Stadions, auf denen sich 2344 leibhaftige Fans tummelten, so viele wie lange nicht mehr in Deutschlands höchsten Spielklassen.

Die Kölner Delegation hatte jedoch nicht vor, sich ans Drehbuch zu halten: Eine riesige Ladung rheinischer Gerstensaft wurde über Funkels Kopf geschüttet, der pitschnasse Trainer wurde geherzt und gedrückt, um ihn herum wurde gejubelt, gesungen und gegrölt. Es entluden sich Erleichterung und Gefühlswallungen, in einem Wimmelbild aus Rot und Weiß. Und warum auch nicht feiern, als habe man gerade eine Trophäe gewonnen? Einer Abstiegsrelegation wohnt schließlich der ultimative Endspielcharakter inne, fast nirgendwo sonst setzt man sich so freimütig der Ungerechtigkeit des Zufalls aus – doch Trainer Funkel war es gelungen, die Unwägbarkeiten auf ein Minimum zu reduzieren.

„Die Bierdusche zeigt ja, dass wir erfolgreich waren“, resümierte Funkel später auf der Pressekonferenz, so wie das eben seine Art ist. Mit einem verschmitzten Grinsen fügte er hinzu: „Dann können die Jungs mich ruhig mit Bier überschütten. Ich hoffe aber, dass das die letzte Dusche heute war, außer der Dusche, die ich gleich nehme, denn ich stinke furchtbar.“

Dieses versöhnliche Saisonfinale hatte den Kölnern vor einigen Wochen ja kaum noch jemand zugetraut, „wir waren schon abgeschrieben“, sagte Funkel. Im letzten Spiel der regulären Spielzeit war ein Beinahe-Last-Minute-Treffer gegen den FC Schalke nötig, um sich noch die Teilnahme an der Relegation zu sichern. Und nach der 1:0-Niederlage im Hinspiel gegen Kiel hatte einiges danach ausgesehen, als stünde den Kölnern am Samstag ein Drama bevor.

Funkel hat aber jene Mischung aus Analyse, Selbstkritik und Kampfansage hinbekommen, die seine Elf so dringend brauchte. Der FC war in jeder Phase des Spiels überlegen und behielt die Contenance, als nach der frühen Führung durch Jonas Hector (3.) Kiel und Lee Jae-sung im direkten Gegenzug den Ausgleichstreffer setzten. Sogleich gelang den Kölnern deshalb der Gegenschlag, vollzogen mit der Wucht eines Mannes, der in dieser Saison ständig von Verletzungen geplagt und auch vor dieser alles entscheidenden Partie fraglich gewesen war: Stürmer Sebastian Andersson köpfte mit zwei Treffern (6./13.) das Fundament herbei, auf dem von Rafael Czichos (39.) und Ellyes Skhiri (84.) schließlich ein beeindruckender Sieg errichtet wurde.

„Schöner kann man eigentlich nicht in den Ruhestand treten“, sagte Funkel

Den Kölnern kam allerdings auch zupass, dass der Gegner nicht auf dem Zahnfleisch, sondern nur knapp über dem Unterkieferknochen ins Ziel kam. Zwei Team-Quarantänen hatten die Kieler hinter sich bringen müssen, weshalb zuletzt im Schnitt alle drei Tage ein Spiel auf dem Programm gestanden hatte und der Gang in die Erstklassigkeit auf den letzten Metern der Zweitliga-Saison noch verspielt wurde. „Wir sind auf der letzten Rille gegangen“, sagte Holstein-Trainer Ole Werner, „irgendwann verlässt dich dann die Kraft.“

Auch deshalb konnte der Samstag nicht darüber hinwegtäuschen, dass Funkel auf seiner Mission auch als Mangelverwalter unterwegs war. Der Kader wirkte über die gesamte Saison hinweg nicht Bundesliga-tauglich zusammengestellt, und es liegt in der Natur der Sache, dass sich Horst Heldt für diese Defizite verantworten muss. Am Sonntagabend bestätigten der Vorstand und der Gemeinsame Ausschuss des Klubs, dass der Sport-Geschäftsführer seines Amtes entbunden wurde. Das Verhältnis zwischen Heldt und den Verantwortlichen in den Gremien galt schon länger als belastet.

Heldt hatte im November 2019 beim FC angefangen, trotz großer finanzieller Engpässe kann er sich am Ende gutschreiben, zwei Nicht-Abstiege geschafft zu haben. In der kompliziert strukturierten Klubspitze wirft man ihm jedoch zu viele personelle Fehlentscheidungen vor. „Trotz des erreichten Klassenerhalts ist im sportlichen Bereich eine Neuausrichtung erforderlich“, hieß es in der Mitteilung. „wir können mit der Zusammenstellung des Kaders und der sportlichen Entwicklung in der abgelaufenen Saison nicht zufrieden sein“, wurde Präsident Werner Wolf zitiert. Als Interims-Sportchefs übernehmen Jörg Jakobs und Ex-Torwart Thomas Kessler vorerst Heldts Aufgaben – bei der Kaderplanung soll dem Vernehmen nach durch Spielerverkäufe ein deutliches Transferplus erwirtschaftet werden.

Heldt selbst hatte sich am Samstag auffällig zurückgehalten mit öffentlichen Aussagen, obwohl er durchaus darauf hätte verweisen können, dass einige seiner strategischen Entscheidungen am Ende doch noch aufgingen: Der 6,5 Millionen Euro teure Stürmer Andersson war zum entscheidenden Zeitpunkt in Form, Funkel wurde gerade noch rechtzeitig an Bord geholt – und in Steffen Baumgart wird nun ein neuer Trainer übernehmen, auf den sich die Anhängerschaft als absoluten Wunschkandidaten einigen konnte. Dass Baumgart am Sonntag erklärte, er würde sehr gerne mit Heldt zusammenarbeiten, könnte auf neue Disharmonien beim chronisch unruhigen FC hindeuten.

Das alles jedoch sind Dinge, die den Kölner Nothelfer jetzt nichts mehr angehen werden. „Schöner kann man eigentlich nicht in den Ruhestand treten“, sagte Funkel, weiterhin durchnässt und mit Biermief in den Klamotten – und mit der Gewissheit, seiner Trainerkarriere einen letzten Moment der Glückseligkeit hinzugefügt zu haben.