Das Werk des Nothelfers

  • 25. Mai 2021

Beitrag auf sueddeutsche.de von Philipp Selldorf

Unter Trainer Friedhelm Funkel erreicht der FC nicht kopflos, sondern mit fußballerischen Mitteln, aber trotzdem geradeso die Relegation gegen Kiel. Die zwei Spiele besitzen für den Klub existenziellen Charakter.

Der Schiedsrichter vor 21 000 Zuschauern in der Grotenburg-Kampfbahn hieß Rudolf Frickel und die Namen der beiden beteiligten Torhüter lauteten Manfred Kroke, genannt „Kroke der Krake“, sowie Klaus Pudelko. Für Letzteren sollte es ein schlimmer Tag werden: Schon beim 4:4 im Hinspiel hatte Pudelko mit dem FK Pirmasens die Zumutung einer Flut von Gegentoren erfahren, das Rückspiel gegen den Vertreter der zweiten Liga Nord war dann wirklich gar nicht mehr lustig für ihn: Bayer 05 Uerdingen gewann 6:0. Statt der kleinen saarländischen Gemeinde Pirmasens stieg die auch nicht unübersehbar große Stadt Krefeld in die erste Bundesliga auf, mittendrin allerdings ein Spieler, der im deutschen Fußball historische Größe erlangen sollte.

Der besagte Spieler war der damals 21-jährige Friedhelm Funkel, der 46 Jahre später als Trainer des 1. FC Köln abermals den härtesten und stressigsten Spielen entgegensieht, die es im hiesigen Profifußball gibt: Die sogenannte Relegation zwischen dem Drittletzten der ersten und dem Dritten der zweiten Liga ist ohnehin schon eine dramatische Aufgabe für alle Beteiligten, unter den finanziellen Einwirkungen der Corona-Krise aber hat sie zumindest für den vom Abstieg bedrohten Erstligisten existentiellen Charakter. „Es ist enorm wichtig für uns, drin zu bleiben“, sagt der Kölner Manager Horst Heldt, „in der zweiten Liga müssten wir viel kürzertreten.“ Holstein Kiel, der Herausforderer, kann die Sache zumindest aus wirtschaftlicher Sicht deutlich entspannter angehen.

Funkel hat an Pfingstmontag mit einigem Vergnügen auf sein frühmodernes Erfolgserlebnis mit Bayer 05 aus dem Jahr 1975 verwiesen, unter anderem weil der spätgeborene Manager Heldt daraufhin staunend zu ihm aufblickte. Der Trainer musste allerdings auch einräumen, dass Relegationsspiele nicht zu den Spezialitäten in seinem Repertoire gehören. In seiner Akte als Fußball-Lehrer sind 901 Einsätze in Liga, Pokal und Europacup verzeichnet, lediglich einmal aber hat er den Gang durch eine solche Entscheidungsrunde dirigiert. Mit dem VfL Bochum hatte er 2011 gegen Lucien Favres Gladbacher Borussia das Nachsehen, laut Funkel vor allem deshalb, „weil der Schiedsrichter im Hinspiel viel zu lang hat nachspielen lassen“. Insgesamt, monierte er, sei der Zweikampf „sehr, sehr unglücklich“ verlaufen.

Dennoch erklärte sich Funkel überzeugt, dass er seine Sechs-Wochen-Mission beim 1. FC Köln zum Erfolg führen werde. Dem Gastgeber des Hinspiels am Mittwoch kommt dabei womöglich zugute, dass er sich bereits am Pfingstwochenende aus einer extremen Beklemmung hat befreien können. Gegen den hartnäckig renitenten Absteiger Schalke 04 qualifizierte sich das Kölner Team durch einen Treffer in quasi vorletzter Minute für die Extrarunde, und der FC setzte sich nicht mit Gewalt und Verzweiflung, sondern unter Anleitung von Kapitän Jonas Hector mit fußballerischen Mitteln durch. Das Tor des zum Stürmer umfunktionierten Verteidigers Sebastiaan Bornauw war das Resultat eines konstanten, aber nicht kopflos inszenierten Sturmlaufs. Auch dies dürfte Heldt im Sinn gehabt haben, als er das Werk des Nothelfers Funkel würdigte. Es sei „großartig“, wie dieser die Mannschaft durch die vergangenen Wochen geführt habe, „wirklich beeindruckend“.

Heldt dementiert die Gerüchte über seine Ablösung nicht

Ein bisschen Werbung in eigener Sache ließ sich bei diesen Komplimenten ebenfalls heraushören. Heldt wird vorgeworfen, an Funkels Vorgänger Markus Gisdol zu lang festgehalten zu haben. Die Spekulationen über eine Ablösung des Managers verdichteten sich zuletzt, am Samstag hieß es gar, die Gremien des Vereins hätten sich bereits festgelegt. Zwei Tage später hat Heldt diese Gerüchte nicht dementiert, sondern mit einem sarkastischen Spruch unterstützt: Ihn habe die Meldungslage nicht überrascht – „es würde mich überraschen, wenn mich beim 1. FC Köln noch etwas überraschen würde“. Die „Feierabendfunktionäre“ – wie Heldts Vorgänger Armin Veh die diversen FC-Offiziellen mit Vorliebe nannte – dürften die Äußerung nicht als freundlichen Akt aufnehmen. Wegen der Quarantäne habe er „wenig Kontakt“ zum Präsidium gehabt, setzte Heldt in kühlen Worten fort, ihm lägen „keine Informationen“ vor.

Wenigstens in der Spielerkabine präsentierten sich die Kölner während der vergangenen Wochen als Gemeinschaft. Gegen Schalke ersetzten die Reservespieler und Vereinsmitarbeiter mit ihrem Engagement das abwesende Publikum würdig. Der griechische Profi Dimitrios Limnios, 22, hat zwar in seiner ersten Saison beim FC kein Tor geschossen und wird Heldt als Fehleinkauf angelastet – aber als Stimmungskanone auf der Tribüne war er spitze. Auf Limnios und Co wird es in Sachen Unterstützung wohl auch am Mittwoch ankommen, mit Fans im statt vor dem Stadion dürfen die Kölner eher nicht rechnen. „Ein paar Zuschauer würden uns guttun“, bemerkte Heldt, „aber wir nehmen es, wie es kommt“.

Die Stimmung in Köln war, wie auch diesen gelassenen Worten zu entnehmen ist, während dieser Saison schon wesentlich schlechter als jetzt. Man ist beim FC geneigt, die extrem heiklen Spiele gegen Kiel nicht als Last oder Belastung, sondern als Chance und als Mehrwert einer komplizierten Saison zu sehen. Und Friedhelm Funkel könnte am Ende seiner epischen Trainer-Laufbahn mit der geglückten Relegation noch eine biographische Lücke schließen.