Der uneitle Allesmacher

  • 22. April 2021

Beitrag auf sueddeutsche.de von Philipp Selldorf

Hinten, zentral und vorne, als Vorkämpfer, Stratege – und nun auch noch als Zwei-Tore-Aushilfsstürmer: Jonas Hector schürt die Kölner Resthoffnung auf den Klassenerhalt.

Der TV-Reporter gab sich sehr viel Mühe, Jonas Hector zur Mitarbeit an einer Heldensage zu motivieren, aber er musste rasch erfahren, dass sein Gesprächspartner daran nicht das geringste Interesse hatte. Der frühere Nationalspieler Hector, 30, ist bekanntermaßen eine belesene Persönlichkeit, weshalb ihn die Mitspieler einst in Anlehnung an den Bücher-Schlumpf „Schlaubi“ getauft haben. Womöglich sind ihm also die griechischen Erzählungen um seinen heroischen Namensvetter aus Troja wohlbekannt – auch er war ein uneitler Kämpfer für die gerechte Mission -, doch zur Legendenbildung in eigener Sache wollte der Kapitän des 1. FC Köln nichts beitragen.

Beide Tore hatte Jonas Hector zum glücklichen, aber gar nicht mal unverdienten 2:1-Sieg des Tabellenvorletzten Köln gegen RB Leipzig beigesteuert, nicht nur deshalb war er die herausragende Figur in diesem hitzigen Spiel. Wie Eddie Murphy im Film „Prinz von Zamunda“ trat Hector in immer wieder anderen, geradezu konträren Rollen in Erscheinung: Mal hinten in der Abwehr mittendrin, mal zentral, mal ganz vorn, mal als harter Zweikämpfer, mal als Vordenker – und zu guter Letzt als Mittelstürmer, weil der höchst abstiegsbedrohte und chronisch angriffsschwache FC halt sonst keinen anderen Mittelstürmer hat. Der besagte TV-Reporter griff sogar zu einem prominenten Paradebeispielsfall, um Hector ein werthaltiges Zitat zu entlocken: Mancher Beobachter im Stadion habe sich angesichts dieses Aufreibens des Kölner Kapitäns an Bastian Schweinsteiger im WM-Finale 2014 erinnert gefühlt, sprach er. „Oder sagen Sie: Ball flach halten?“ Antwort Hector: „Ja.“

Es ist aber auch nicht so, dass Hector nicht erkennbar gejubelt hätte beim lang ersehnten Abpfiff, den die FC-Freunde erst nach mehreren Fällen von akutem Herzrasen erreichten. Der überlegene Tabellenzweite Leipzig drückte mit Wucht auf den Ausgleich, zur Krönung einer dramatischen Schlussphase köpfelte der eingewechselte Justin Kluivert erst Millimeter am Torgiebel vorbei – um danach in der allerletzten Szene noch den Pfosten zu treffen, wobei er grenzwertig abgegrätscht wurde, doch den anschließend eingeforderten Elfmeter verweigerte der Schiedsrichter. Julian Nagelsmann, 33, der vorerst wohl noch nicht als jüngster aller Meistertrainer in die Bundesliga-Geschichte eingehen wird, verließ zwar wutschnaubend den Tatort.

Aber es ging dabei weder um das verlorene Duell mit den Bayern und auch nicht um den Beschluss des Unparteiischen, den Zweikampf zwischen FC-Keeper Timo Horn und Kluivert nicht zu ahnden. Es ging darum, dass in Köln mal wieder das typische Leipziger Saison-Defizit zum Ausdruck kam: „Die Analyse ist total simpel“, sagte Nagelsmann: „Es ist kein Charakterding, es fehlt nicht die Lust – es fehlen einfach die Tore, der Killer-Instinkt. Ich ärgere mich eher darüber, dass wir hier nicht gewonnen haben, als darüber, dass wir nicht Meister werden.“

Der künftige FC-Bayern-Verteidiger Upamecano verliert das Privatduell mit Hector

Verloren hatten die Leipziger das Spiel dennoch in der Defensive, wo es Dayot Upamecano immer wieder nicht gelang, seinen Gegenspieler unter Kontrolle zu bringen. Tatsächlich lieferte er sich ein Privatduell mit Hector, aus dem der designierte FC-Bayern-Verteidiger als klarer Verlierer hervorging, und zwar nicht nur deshalb, weil er den FC-Kapitän beim 0:1 sträflich allein ließ. „Jonas hat das überragend gemacht“, lobte Kollege Timo Horn, „er hat unheimlich viele Kopfballduelle gegen Upamecano gewonnen – das ist bei weitem nicht selbstverständlich.“ Aber die Geschicklichkeit und die Zweikampfkunst des vorsätzlich unscheinbaren Hector ist schon zu dessen Zeiten als Nationalspieler immer unterschätzt worden – außer vom Bundestrainer Jogi Löw, der einst großes Vertrauen setzte in den schlauen Kölner.

„Jonas Hector ist unser bester Spieler“, das hat auch Kölns Manager Horst Heldt gesagt, allerdings sagte er das zu einer Zeit in dieser Saison, als jener Hector wegen einer nicht enden wollenden Verletzungspause schmerzlich vermisst wurde. Seit er wieder richtig im Dienst ist, seit rund sechs Wochen, weiß man umso mehr, wie wichtig Hector für die Mannschaft ist – nun auch noch als Sturmspitze, was der bescheidene Held selbstverständlich als Pflichterfüllung darzustellen versuchte: „Die Tore haben uns gefehlt in den letzten Wochen. Dass ich es dann heute war – ja, vielleicht sollte es so sein, nachdem ich das eine oder andere Ding versemmelt habe in den vorigen Spielen“, sagte Hector, zuletzt unglücklicher Lattenschütze beim 0:3 in Leverkusen. Vielmehr müsse die Mannschaft gewürdigt werden, forderte Hector, „weil alle, die auf dem Platz gestanden haben, alles für diesen Sieg getan haben“. Diese Heldengeschichte ließ er immerhin gelten.

Ob der etatmäßige Mittelstürmer Sebastian Andersson den Kölnern im nervenzehrenden Endspurt zur Verfügung stehen wird, ist indes ungewiss. Trainer Friedhelm Funkel weiß aber nun, nach dem ersten Erfolgserlebnis seiner weiterhin komplizierten Rettungsmission, dass er eine Alternative im Kader hat: „Jonas war der Torjäger, den wir heute gebraucht haben“, stellte Abwehrchef Rafael Czichos fest.