Zurück im wilden Köln

  • 12. April 2021

Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit

Friedhelm Funkel ist zurück in der Bundesliga. Eigentlich wollte er mit seiner Frau um die Welt reisen. Nun kämpft der Trainer mit dem FC, der mit seiner Personalwahl ein Wagnis eingeht, gegen den Abstieg.

Mit einem ungewöhnlichen Lob an seinen entlassenen Vorgänger begann Friedhelm Funkel die womöglich letzte Episode seiner sagenhaften Bundesligakarriere. Der 1. FC Köln, seine neue Mannschaft, habe „zuletzt gute Leistungen gezeigt“, sagte der 67-jährige Altmeister der Trainerkunst nach seiner Ankunft am Geißbockheim am Montag. Aber wahrscheinlich hat er während seiner mehr als 1300 Partien als Spieler und Trainer im deutschen Profifußball selbst das schon erlebt: einen Trainerwechsel trotz guter Leistungen.

Am Abend nach der Kölner 2:3-Niederlage gegen Mainz 05 war Markus Gisdol entlassen worden, dessen Team keineswegs in Trümmern lag. Die Mannschaft ist nicht zerstritten, sie spielt leidenschaftlich, und die Beziehung zwischen Trainer und Sportgeschäftsführer Horst Heldt war bis zuletzt intakt: Gisdol habe „immer alles gegeben, die Ruhe bewahrt, nie seine Linie verloren und bis zum heutigen Tag mit seiner Arbeit überzeugt“, sagte Heldt. Seinen Job verlor er trotzdem.

Dabei gilt eigentlich das Credo, dass Fußballlehrer in erster Linie für die Performance und weniger für die von Zufällen und kleinen Momenten beeinflussten Ergebnisse verantwortlich sind. Und dennoch hatten die Dynamiken dieser Kölner Saisongeschichte eine Trennung offenbar unumgänglich gemacht, weil Gisdol seit Anfang Februar sieglos war und der Klub auf den vorletzten Tabellenplatz abgestürzt ist. Trotz der ordentlichen Leistung sei die Niederlage gegen Mainz ein „absoluter Tiefschlag“, sagte Heldt, der sich unmittelbar nach dem Abpfiff mit dem Vorstand abgesprochen hatte, um am späten Abend Gisdol über die Trennung in Kenntnis zu setzen.

„Ich bin überzeugt davon, dass wir das schaffen können“

Nun gelte es, „mit dem gleichen Einsatz die notwendigen Punkte zu holen, um in der Liga zu bleiben“, sagte Funkel und verkündete: „Ich bin überzeugt davon, dass wir das schaffen können.“ Die Voraussetzungen für eine gute Wirksamkeit des Trainerwechsels sind allerdings schwierig. Denn diese Trennung wird keinen befreienden Effekt haben, weil auch die alte Konstellation passte.

Funkel wird seine neue Mannschaft mit fachlichen Impulsen, mit schlauen Strategien, mit klugen Personalentscheidungen besser machen müssen, es geht um Nuancen. Er hoffe, dass die Spieler unter seiner Ägide „vielleicht noch einmal einen Schritt mehr gehen und einen Tick besser verteidigen“, sagte Funkel. Gegen Mainz hatten Noah Katterbach vor dem 0:1 und der schwache Marius Wolf vor den anderen beiden Treffern schlimme Fehler und damit einen Sieg fast unmöglich gemacht. Zudem führte Funkel an, dass mit dem zuvor lange verletzten Sebastian Andersson endlich ein starker Stürmer genesen sei.

Auch in der Hoffnung auf die Rückkehr Anderssons hatte sich Heldt lange gegen den alten Kölner Mechanismus des Trainerrauswurfs gewehrt – und musste doch nachgeben. Funkel ist der siebte Chefcoach in vier Jahren. Am Ende musste der Sportgeschäftsführer auch unter dem Druck des Vorstandes und des sogenannten Gemeinsamen Ausschusses handeln.

Heldts persönliche Niederlage

Für Heldt ist dieser Schritt damit auch eine persönliche Niederlage, und wahrscheinlich kostete die Trainerdebatte in der Partie gegen Mainz sogar einen wertvollen Punkt. Gisdol musste gewinnen, um weiter mit der Mannschaft zu arbeiten. Für den Klub hätte hingegen auch ein Unentschieden einen gewissen Wert gehabt. Die Mainzer wären in Reichweite geblieben, und der Rückstand auf Bielefeld sowie Hertha BSC betrüge nur zwei Zähler. Wo Gisdol zu anderen Zeitpunkten der Saison eine besonnene Spielweise eingefordert hätte, war er nun gezwungen, seine Mannschaft ins Risiko zu treiben, als es 2:2 stand, um seinen Job zu retten. „Wir haben zum Schluss auf Sieg gespielt und waren offener“, sagte er während seines letzten TV-Interviews als Trainer in Köln. In der Nachspielzeit wurde der FC ausgekontert.

Klar ist, dass Gisdol keinesfalls die Hauptschuld an der bedrohlichen Lage trifft. „FC Spürbar planlos – Vorstand und sportliche Leitung raus!“ stand auf einem großen Transparent, das am Montagmorgen am Geißbockheim hing.

Diese Trainerentlassung ist die Folge einer langen Fehlerkette, wobei Funkel schon eine gute Lösung sein könnte. „Friedhelm hat nicht nur große Erfahrung, sondern ist auch mit solchen Situationen absolut vertraut“, sagte Heldt über den neuen Chefcoach, der nach seiner Entlassung bei Fortuna Düsseldorf im Januar 2019 eigentlich endgültig aus dem Betrieb aussteigen und mit seiner Frau um die Welt reisen wollte. Das war unter den pandemischen Bedingungen nicht möglich, woraufhin im Herbst die Idee entstand, vielleicht doch noch einmal zu arbeiten.

Nun sucht er das Abenteuer im wilden Köln, wo er schon zwischen 2002 und 2003 für eineinhalb Jahre erfolgreich gearbeitet hat. „Ich mache noch mal sechs Wochen das, woran ich Spaß habe“, sagte Funkel, dessen Mission in Köln definitiv bis Saisonende befristet ist.