Köln trennt sich von Gisdol

  • 11. April 2021

Beitrag auf sueddeutsche.de von Philipp Selldorf

Die Pleite gegen Mainz war zu viel: Der abstiegsbedrohte Bundesligist FC Köln hat seinen Trainer beurlaubt. Ein Nachfolger wird schon gehandelt.

„Kämpft für Eure Fans“ stand auf dem Transparent, das Anhänger des 1. FC Köln am Zaun des Müngersdorfer Stadions befestigt hatten. Wie eine Mahnwache hatten sich die Autoren im Dauerregen unter ihrem Appell versammelt, es war eher ein bedrückendes als ein anregendes Bild, und es war ein Motiv, das zur Kölner Stimmung passt, die nach diesem 28. Spieltag von verschärfter Verzweiflung geprägt ist.

Beim 2:3 gegen Mainz 05 ließen es die Kölner nicht an Kampfgeist fehlen, aber die größere Klasse war auf der Gegenseite zu finden. Während die Mainzer ihre Erfolgsserie fortsetzten und Abstand zum ärgsten Krisengebiet herstellen, stehen die Kölner fürs Erste einsam auf dem vorletzten Platz. Was das für den Erhalt des Jobs ihres Trainers Markus Gisdol bedeuten würde, war die naheliegende Frage. Am späteren Sonntagabend schien sich diesbezüglich der Nebel zu lichten: Sport1 und der Kölner Express berichteten übereinstimmend, der Klub habe sich von Gisdol getrennt. Kurz vor Mitternacht bestätigte der Verein die Berichte.

Den erhofften Klassenverbleib in den verbleibenden sechs Saisonspielen soll nun ein anderer Trainer bewerkstelligen. Als Kandidat gilt schon seit längerem Friedhelm Funkel, obwohl der 67-Jährige seine Karriere nach der Beurlaubung in Düsseldorf im Januar 2020 eigentlich für beendet erklärt hatte. „Mich hat noch niemand kontaktiert. Das Spiel ist aber auch gerade erst vorbei“, sagte Funkel dem Express am Sonntagabend. Nicht viel später meldete dann aber schon der Kicker eine Einigung mit Funkel.

Gisdol trainierte den FC seit November 2019. Er legte nach schwachem Start in der Vorsaison einen starken Zwischenspurt hin, der zum Klassenverbleib reichte. In der aktuellen Saison wurde Gisdol nun wohl die Niederlage gegen Mainz zum Verhängnis – und das, obwohl der Coach eine wild entschlossene Elf aufs Feld gebracht hatte. Bloß: Das Spielglück war nicht auf seiner Seite.

Die Brisanz dieser Begegnung – angeheizt durch Bielefelds Erfolg gegen Freiburg – hatte beide Teams in Hochspannung versetzt, das war ihnen schon nach den ersten Ballpassagen anzumerken. Pünktlich zu diesem Zweikampf des Schreckens konnte Gisdol einen Trumpf ziehen und seine offensiv chronisch unvollständige Elf mit einem echten Mittelstürmer komplettieren. Der schwedische Nationalspieler Sebastian Andersson hatte sich schon in der Vorwoche mit einem Kurzeinsatz aus der knapp viermonatigen Verletzungspause zurückgemeldet, nun gehörte er der Startelf an, was die Mainzer sofort zu spüren bekamen. Anderssons erster Torschussversuch nach kaum einer halben Minute Spielzeit, abgeblockt von seinem Gegenspieler, war der Start in eine erste Halbzeit, die neutralen Zuschauern packende Unterhaltung und den Sympathisanten der beteiligten Klubs harten Nervenkitzel bot. Bis Felix Brych die um vier Minuten verlängerte erste Halbzeit beendete, hatte der FC 14 Torschüsse abgegeben und sich damit quasi selbst übertroffen: So oft hatte er es binnen einer Halbzeit seit 2008 nicht mehr versucht.

Die Mainzer fügten der Statistik ebenfalls einige Torszenen hinzu, nicht so viele wie der Gegner, dafür mussten sich aber die Kölner bei ihrem Torwart Timo Horn bedanken, dass es zur Pause beim Unentschieden blieb. Zweimal rettete der Schlussmann erstklassig, als Moussa Niakhaté und Leandro Barreiro aus jeweils kurzer Distanz auf sein Tor schossen.

Schiedsrichter Brych gerät im hitzigen Kräftemessen zu einer zentralen Figur

Der Kölner Entschlossenheit setzten die Mainzer den robusten und zupackenden Widerstand entgegen, der sie im Laufe der Rückrunde aus der Verlorenheit des Tabellenendes hervorgebracht hat. Die Zweikämpfe werden stets bis zum Rand des Erlaubten geführt, einen der daraus resultierenden Geländegewinne nutzte Jean-Paul Boetius zur Führung (11. Minute). Außenverteidiger Noah Katterbach hatte zuvor unter konzertiertem Mainzer Drängen den Ball eingebüßt.

Der überraschende Rückstand war ein Schock für die Kölner, sie wussten aber zu reagieren. Aus dem Mittelfeld mit Kapitän Jonas Hector und Andrej Duda kamen die nötigen Signale zum Weitermachen, Andersson gab in der Sturmmitte mit zwei ordentlichen Torgelegenheiten zusätzliche Lebenszeichen (19./20.). Die Kölner beherrschten die Szene, Mainz hielt dagegen. Schiedsrichter Brych geriet im hitzigen Kräftemessen zu einer zentralen Figur, nicht nur wegen der vielen Fouls in freier Wildbahn. Auch in den Strafräumen wurde es knifflig. Den ersten lautstark eingeforderten Elfmeter verweigerte er den Kölnern noch, beim nächsten Mal überzeugten ihn der Keller und die Videobilder: Philipp Mwene hatte einen Kölner Torschuss mit dem Arm geblockt, unfreiwillig, aber wirkungsvoll. Den fälligen Elfmeter verwandelte, sichtlich unter Hochdruck stehend, der Techniker Duda zum Ausgleich.

Die Partie verlor auch in der zweiten Hälfte nicht an Dramatik. Für die Kölner begann sie wie im Wunschkonzert, als Ellyes Skhiri einen fein geschnittenen Freistoß von Hector ins Tor beförderte (61.), doch auf Dauer setzten sich nicht nur die stabilen Mainzer Abwehrkräfte durch, sondern auch die offensiven Qualitäten der 05er. Auf die Führung des FC antworteten sie umgehend mit dem vorbildlich herausgekonterten Ausgleich, den Karim Onisiwo vollendete. Hin und her ging die Partie danach, die Kölner warfen sich zunehmend verzweifelt in jeden Ball, doch die größere Spielkontrolle und das bessere Finish hatten die Mainzer zu bieten: Barreiro setzte den Schlusspunkt in der ersten von sechs Nachspielminuten.

Sportchef Horst Heldt äußerte sich am Sonntagabend nicht, eine Interview-Anfrage des TV-Senders Sky lehnte er ab. „Was morgen ist, werden wir sehen“, sagte wiederum Gisdol. Bei Sky hatte er auf die Frage, ob er mit seiner Entlassung rechne, zuvor erklärt: „Ich rechne mit gar nichts, ich versuche, meine Jungs zu trösten. Es geht um den 1. FC Köln und meine Mannschaft.“ Der 51-Jährige bekannte, er sei „natürlich enttäuscht, das ist ja klar nach so einem Spiel, wo du gefühlt auch die drei Punkte hättest machen können.“

Mehr Spiele, in denen der FC drei Punkte machen könnte, dann aber doch wieder keine macht, will man Markus Gisdol in Köln nun offenbar nicht mehr verantworten lassen.