2:2 verloren

  • 22. März 2021

Beitrag auf sueddeutsche.de von Milan Pavlovic

Nach einem spektakulären Remis in Köln hadern sowohl der Außenseiter als auch die sediert wirkenden Dortmunder mit dem Resultat – am prägnantesten BVB-Torjäger Haaland.

Jorge Meré musste fast in Deckung gehen, als er wie versprochen das Trikot von Erling Haaland zugepfeffert bekam. Das Trikot seines Gegners interessierte den Dortmunder nicht. Haaland ist bekanntlich schnell schlecht gelaunt. Normalerweise vor allem dann, wenn er keine Tore schießt. Am Samstag aber erzielte der Borusse zwei Treffer und verhinderte eine Niederlage seines Klubs – und trotzdem eilte er nach dem Schlusspfiff mit derart grimmiger Miene vom Feld, dass sich ihm nur ein Todesmutiger in den Weg gestellt hätte. Meré reihte sich derweil ein neben vielen ratlosen Profis, sowohl in Schwarz-Gelb als auch in Blütenweiß. Denn dieses 2:2 (1:1) beim 1. FC Köln konnte wirklich auf jede Weise interpretiert werden.

Im Grunde war es für alle Beteiligten eine gefühlte Niederlage: weil Köln nicht den vollen Lohn für einen couragierten Auftritt mitnehmen durfte (und im Verlauf des Sonntags wegen der Erfolge von Mainz 05 und Hertha BSC auf Platz 16 durchgereicht wurde); und weil Dortmund zwar spät zuschlug, aber weiter an Boden auf die Champions-League-Plätze verlor. „Ein gerechtes Unentschieden“ hatte BVB-Coach Edin Terzic gesehen, „auch wenn es wegen des späten Ausgleichs etwas glücklich für uns war“. Sein Gegenüber Markus Gisdol wähnte das Spiel „auf unserer Seite“, deshalb sei er „schon auch ein bisschen traurig“ über das Remis.

In der ersten Viertelstunde hätte niemand gedacht, dass es später solche Stimmen geben würde. Die Partie begann mit totaler Dortmunder Dominanz und einer norwegischen Zirkusnummer. Nach zweieinhalb Minuten BVB-Ballbesitz schlug Emre Can einen 40-Meter-Pass mit Unterschnitt in den Lauf von Haaland, der den Ball auf Strafraumhöhe aus der Luft annahm, als wäre dieser mit seinem linken Fuß verwachsen – aber nur für einen Moment. Denn in derselben Bewegung leitete der Torjäger den Ball rechts am zuletzt so starken Kölner Innenverteidiger Meré vorbei, ließ den Spanier einfach stehen, zog mit der nächsten Ballberührung nach innen, war schon am Fünfmeterraum und tunnelte mit dem nächsten Kontakt Kölns Keeper Timo Horn. So ein Filigrantor erwartet man vielleicht von Lionel Messi, aber nicht von einen 1,96 Meter langen Kraftpaket – außer es heißt Haaland.

Ungenauigkeiten kosten Dortmund den Schwung

In den nächsten Minuten sah das Spiel aus, als würde ein Champions-League-Viertelfinalist gegen eine Schülermannschaft antreten. Der FC wollte weiter kompakt stehen, bot den Gästen aber dennoch überall Räume an. In der 8. Minute kam der Ball sachgerecht in die Kölner Strafraummitte, doch dort stand diesmal eben nicht Haaland, sondern Hazard, dessen Abschluss von Meré geblockt wurde.

Danach ließ der Druck der Dortmunder kontinuierlich nach, Ungenauigkeiten von Dahoud und Brandt raubten den Schwung, Köln „kam mit jeder Minute besser ins Spiel“, fand nicht nur Gisdol. Auch den Ausgleich begünstigten die Gäste: Bellingham stoppte einen Ball mit dem Oberarm, Duda verwandelte den Elfmeter sicher (35.). Laut Ohrenzeugen stapfte Haaland schon zur Pause unfein schimpfend in die Kabine, zu lätschert war ihm das Spiel der Kollegen.

Zum wiederholten Mal punktet Köln, als die Beurlaubung von Trainer Gisdol unausweichlich zu sein scheint

Nach der Pause stürmte der 16-jährige Youssoufa Moukoko neben dem Norweger, dem die Entwicklung des Spiels dennoch sichtlich missfiel – und dies schon vor der Kölner 2:1-Führung (65.), bei dem die Vorbereiter Hector (Hüftwackler gegen Dahoud) und Drexler (Steilpass) sowie Schütze Jakobs eine Handvoll Dortmunder vorführten. Als dann sogar Haaland Chancen ausließ (80., 84.) und selbst die vorher tadellosen Can und Hummels unerklärliche Fehlpässe einstreuten, schien es um den BVB geschehen zu sein. Doch Haaland hatte nach feiner Zuarbeit des 19-jährigen Debütanten Ansgar Knauff noch eine letzte Fußspitze anzubieten (90.). Auf Jubel verzichtete der 20-Jährige. Die Dortmunder müssen rasch Anschluss zu Champions-League-Platz vier finden, am besten schon beim Showdown gegen Frankfurt in zwei Wochen, sonst wird die Gefahr groß, dass Haaland seine schlechte Laune (und seine unfassliche Torgier) bei einem anderen Klub auslebt.

Das späte 2:2 lenkte ab vom beachtlichen Auftritt der Kölner. Zum wiederholten Mal in dieser Saison zeigten sie sich von ihrer starken Seite, als die Beurlaubung von Trainer Gisdol unausweichlich zu sein schien. Das war schon in der Hinrunde so, als Köln völlig unerwartet 2:1 beim BVB gewann und den Anfang des Endes von Terzic-Vorgänger Lucien Favre einleitete. Und es passierte so ähnlich bei Siegen gegen Schalke 04 (2:1) und später in Mönchengladbach (2:1). Vor dem Spiel gegen Dortmund kursierten nun die Namen von Trainern wie Friedhelm Funkel (als Saisonretter) und Peter Stöger (für die kommende Spielzeit). Die Mannschaft reagierte auf ihre Art.

Gisdol gab einen Einblick in seine Psyche („Als Trainer musst du das ausblenden können“) und in die seiner Spieler: „Es ist ja tatsächlich mal zu hinterfragen, ob in solchen Momenten wirklich etwas mehr rausgekitzelt wird“, sagte er bei Sky. „Jeder weiß, was es auslöst bei allen Beteiligten, wenn man merkt, dass es eng wird“ – beim FC löst das offenbar verschüttete Kräfte aus. „Das ist menschlich“, findet Gisdol, „dass sie dann vielleicht ein paar Prozent konzentrierter sind und öfter die letzte Konsequenz in den Situationen haben.“ Fragt sich bloß, wann Spieler und Trainer das öfter mal bei „normalen Spielen“ hinbekommen.