Sicherheit geht vor

  • 22. Februar 2021

Beitrag in der Süddeutschen Zeitung von Milan Pavlovic

Unansehnlich, aber erfolgreich: Stuttgart passt sich der Liga an

Köln–Sasa Kalajdzic blickte erstaunt, wie ein Schauspieler, der nicht gewusst hatte, dass er für die Pointe der Aufführung ausersehen war. Der Stürmer des VfB Stuttgart hatte in Köln eine richtig gute Szene, als er einen Freistoß per Hinterkopf ins Tor des 1.FC Köln verlängerte (49.Minute). Das reichte den Schwaben am Ende zu einem trockenen 1:0 (0:0), der Vorsprung auf Platz 16 beträgt komfortable elf Punkte. Den Äußerungen nach der Partie war zu entnehmen, wie viel Respekt die Teams (oder zu mindest die Trainer) vor dem Gegner hatten. „Wir haben Köln nicht in Bewegung bekommen“, sagte VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo, deshalb habe man die Abwehr nicht aushebeln können. Kölns Coach Markus Gisdol bedauerte, dass sein Team „die Räume nicht bespielt hat, die Stuttgart uns gelassen hat“. Er hatte viele technische Fehler gesehen, aber zwischendurch tröstete er sich damit, Stuttgart klein gehalten zu haben. Beide Seiten, fand Gisdol, „hatten sich gut gelesen“. Das war eine euphemistische Umschreibung dafür, dass die Partie 45 Minuten langunansehnlichenFußballgebotenhatte.UnddabeieinenbedenklichenTrendin der Bundesliga bestätigte. Die Folge der leeren Stadien ist nicht bloß mangelnde Stimmung, es ist immer mehr eine Art des Spiels, die man dereinst vielleicht als Pandemie-Fußball bezeichnen wird: eine Form von Sicherheitsbestreben, die in vollen Stadien auf Dauer nicht praktizierbar wäre, weil der Unmut der Fans zu laut werden würde. So aber gibt es zwei Tendenzen: Die eine führt im Mittelfeld zu intensiven Positionskämpfen auf engstem Raum, wo ein Team den Ball für Sekundenbruchteile erobert, bis der nächste Ballverlust den nächsten Versuch in die andere Richtung einleitet. Und das fade Schauspiel sich wiederholt. Öffnende Pässe und Flügelwechsel bleiben Ausnahmen, freie Räume werden schneller geschlossen als bei den schnellsten Fahrstuhltüren. Weil beide Seiten das letzte Risiko scheuen, entwickeln sich immer mehr Begegnungen, wie man sie in dieser Saison von unteren Mittelklasseteams wie Bremen, Augsburg, Hertha BSC und Köln zur Genüge gesehen hat. Und es ist ja auch nicht verboten, so zu spielen. Es ist bloß meistens schrecklich anzusehen.

Der andere Trend ist eine eigenwillige Art des Ballbesitzfußballs: Anstatt den Ball auf Anhieb halb blind nach vorne zuschlagen und auf den Abpraller zu hoffen, versuchen selbst untere Mittelklasseklubs wie Köln gegen pressende Gegner einen geordneten Spielaufbau aus der eigenen Zone zu betreiben. Das geht oft geradeso eben gut, führt aber nur selten zu Raumgewinn – und endet deshalb fast immer doch mit halbblinden Schlägen nach vorne, bei denen auf den Abpraller gehofft wird. So gehen mehrmals zehn bis fünfzehn Sekunden verloren, die dann später fehlen, wenn das eigene Team in Rückstand geraten ist. Der VfB war lange eine spektakuläre Ausnahme in der Liga. Die vergangenen drei Auswärtsspiele waren jedoch alle verloren gegangen, in Leverkusen hatte der Aufsteiger in einem Anfall von Naivität fünf Tore kassiert. Die Schwaben waren also entschuldigt, als sie in Köln zunächst auf Ergebnissicherung aus waren. Es fragt sich eher, warum der FC gegen den verunsicherten Gegner nicht entschlossener angetreten war. Nach dem Rückstand wirkte Köln endlich energisch und kam zu zwei Chancen. Doch Dennis löffelte aus sieben Metern über das Tor (69.), Özcan setzte einen Linksschuss an die Latte (77.).

Kritik sei „legitim und nachvollziehbar“, erklärte Sportchef Horst Heldt Medienvertretern am Tag nach dem 0:1: „Aber Sie müssen auch akzeptieren, dass ich damit nix anfangen kann. Und sie mich nicht interessiert, weil ich glaube, dass ich mehr Ahnung habe. “Gisdol hatte nach der siebten Heimniederlage nicht zum ersten Mal moniert, dass ihm jemand in der Sturmspitze fehlt, der in der Torjägerliste so prominent dasteht wie auf VfB-Seite Kalajdzic oder Wamangituka: „Wir haben momentan einfach nicht die Spieler, die reihenweise treffen. Das ist unser Los in dieser Saison, wir müssen mit dem, was uns zur Verfügung steht, in jedem Spiel hart arbeiten. Es wird bis zum Ende eng. Das ist für alle Beteiligten anstrengend, aber es gibt keinen anderen Weg. “Das klang wie eine Drohung an die FC-Sympathisanten–und alle Fußball-Ästheten.