Zum Fahnentanz eine Liebeserklärung

  • 7. Februar 2021

Beitrag auf sueddeutsche.de von Ulrich Hartmann

Der Kölner Derbysieg in Gladbach versöhnt Trainer Markus Gisdol und die FC-Fans

Die feierliche Zweckentfremdung einer Eckfahne ist eigentlich ein exklusives Erkennungszeichen der Spieler von Borussia Mönchengladbach. So oft schon hat der Stürmer Marcus Thuram nach Siegen ein Gladbacher Trikot über die Fahnenstange gestülpt und ist damit triumphierend über den Rasen getanzt, dass jeder in der Branche sofort wusste, wen die Fußballer des 1. FC Köln am Samstagabend parodierten, als sie im Borussia-Park das Trikot ihres Doppeltorschützen Elvis Rexhbecaj hissten und mit der geschmückten Flagge feixend über das Feld hüpften. Es sah aus, als hätte eine Horde Piraten das königliche Schiff gekapert.

„Es tut weh, die Kölner mit der Eckfahne in unserem Stadion tanzen zu sehen“, gestand der Gladbacher Mittelfeldspieler Christoph Kramer nach dem 1:2 (1:1) gegen den FC. Der Champions-League-Teilnehmer Gladbach hatte daheim gegen den Abstiegskandidaten auch deshalb verloren, weil es Trainer Marco Rose für nötig befunden hatte, drei Tage nach einem Pokalsieg in Stuttgart sechs seiner wichtigsten Spieler zu schonen. Während die Fan-Dachorganisation der Borussia diese Wechselspiele im Prestigederby scharf rügte, erhielten die Kölner mit ihrem Triumph die unverhoffte Gelegenheit, sich mit ihren Fans ein Stück zu versöhnen: „Dieser Sieg tut auch unseren Fans gut“, betonte FC-Torwart Timo Horn. Denn die Stammkundschaft wurde mit dem Sieg im Rheinduell auch dafür entschädigt, dass ein eigener Spieler einige Fans zuvor als „Spacken“ verunglimpft hatte.

„Spacken“ steht sogar im Duden: „dummer Mensch (Schimpfwort)“. Zu dieser Einschätzung kam der Kölner Dominick Drexler, als er am Freitagabend als Insasse des Mannschaftsbusses beobachtete, wie FC-Fans die Abreise ihrer Helden zum Derby mit erheblichen Leuchtfeuern illuminierten. Seine Stimme wurde auf einem im Internet veröffentlichten Video aus dem Bus identifiziert, woraufhin Drexler eine umfängliche Entschuldigung aussprach. „Er hat einen großen Fehler begangen und sich aufrichtig dafür entschuldigt“, hob nach dem Sieg sein Trainer Markus Gisdol zu einem umfänglichen Monolog über Drexler an, „so denkt er im Grunde seines Herzens gar nicht, und ich bin kein Freund von drastischen Verurteilungen wegen eines ein Mal begangenen Fehlers.“

Weniger nachgiebig hatte sich Kölns Spielerlegende Lukas Podolski gezeigt, als er twitterte: „Wer seine eigenen Fans Spacken nennt, der hat dieses Trikot nicht verdient.“ Drexler stand am Samstag zwar im Kader, durfte aber tatsächlich nicht mitspielen. Dies könnte allerdings auch daran gelegen haben, dass die Kölner ab der 55. Minute 2:1 führten und das Ergebnis gut ins Ziel verteidigten.

Als Gegengewicht zu den destruktiven Diffamierungen machte der Trainer Gisdol nach dem Spiel eine überschwängliche Liebeserklärung an den 1. FC Köln. „Ich liebe diesen Klub“, sagte er pathetisch und verzichtete womöglich nur des dichten Schneetreibens wegen darauf, von Düsenjägern ein Herz aus Kondensstreifen an den Himmel malen zu lassen. Mit seinem Treueschwur hatte der gebürtige Schwabe 15 Monate nach seinem Amtsantritt in der Domstadt geduldig auf jenen Moment gewartet, an dem seine Mannschaft erstmals in dieser schwierigen Saison zwei Bundesliga-Siege nacheinander errungen hatte.

„Ich spüre keine Genugtuung“, sagte Gisdol über Kritik und wiederkehrende Zweifel an seiner Person, die nach dem blamablen Pokal-Aus drei Tage zuvor beim Zweitligisten Regensburg erneut seinen Verbleib im Amt in Frage gestellt hatten. Recht höflich kritisierte er den öffentlichen Umgang mit ihm: „Ich frage mich manchmal, ob alles immer fair bewertet wird.“ Intern sei man sich schon vor der Saison einig gewesen, dass es ausschließlich um den Erhalt der Klasse gehen könne. „Und dieser Sieg wird uns dazu Kraft geben“, sagte Gisdol im Predigerton.

Nach einem 2:1 in Dortmund und einem 0:0 in Leipzig agierten die Kölner bereits zum dritten Mal in dieser Saison auswärts bei einem Champions-League-Teilnehmer taktisch gewieft und rangen die Gladbacher mit intensiven Zweikämpfen und effektivem Umschalten nieder. Mit dem Vornamen des Doppel-Torschützen Rexhbecaj ließen sich zudem medial treffliche Wortspiele formulieren („Elvis rockt“, „Elvis lebt“). Der 23-Jährige, ausgeliehen vom VfL Wolfsburg, schoss bei den jüngsten beiden Siegen gegen Bielefeld (3:1) und nun in Gladbach drei Tore. Für etwa sieben Millionen Euro könnten die Kölner ihn im Sommer wohl kaufen, allerdings soll Wolfsburg ein Vetorecht besitzen, und sieben Millionen sind für Köln kein Pappenstiel. „Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass er ein Kölner ist“, lobte Gisdol Rexhbecajs offenbar rheinische Seele. Doch auch diese Liebesepisode hat einen Haken: „Noch gehört er uns ja gar nicht.“