Ein Sorry kann eine Schwalbe im Strafraum ersetzen

  • 7. Februar 2021

Beitrag auf welt.de von Oskar Beck

Der Fußball schwört auf die Hohe Schule der Entschuldigung. Fragen Sie mal Thomas Hitzlsperger. Oder Kölns Dominick Drexler. Der Fußball tickt immer öfter nach dem Motto: Um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, muss der Entgleisung die unverzügliche Reue folgen.

Die Kölner sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Ja, der alte Adenauer, der war noch aus Hartholz geschnitzt. Wenn nicht erstunken und erlogen ist, was man hört, pflegte der Altkanzler jeden Morgen zu sagen: „Was geht mich mein Geschwätz von gestern an?“

Auch Toni Schumacher hat sich höchst ungern entschuldigt. Im WM-Halbfinale 1982 streckte der Kölner Torwart den Franzosen Battiston nieder, der verlor drei Zähne, wurde mit einer Gehirnerschütterung weggetragen, und Schumacher lehnte sich lässig an den Pfosten, kaute Kaugummi und sagte hinterher: „Ich zahl ihm die Jacketkronen.“

Ein Sorry? Alle, die das damals vom tollkühnen Toni verlangt hätten, hätte er gleich auch noch weggerammt und gezischt: „Ihr Spacken!“

packen sagen Fußballer dann, wenn sie meinen, dass Dummkopf und Idiot nicht mehr reichen, und dieser Tage ist das deutliche Wort dem Kölner Kicker Dominick Drexler entfahren. Er saß im Mannschaftsbus, der am Geißbockheim losfuhr zum rheinischen Derby in Gladbach, und mit einem „Kölle Alaaf“ auf den Lippen zündeten draußen ein paar FC-Fans zur Verabschiedung ihre Leuchtraketen und bengalischen Feuer. Und weil Fußballstars auch im Bus ständig irgendwelche Videos drehen, kursierte im Internet sofort eines, in dem Drexler in Richtung der Knallerbsen schreit: „Was für Spacken!“

Früher war er selbst Fan. Als Jungspund stand er in der FC-Kurve, er ist dort quasi sozialisiert worden – und hätte sich jetzt bequem damit herausreden können, dass er damals das Wort „Spacken“ gelernt und nach Niederlagen die FC-Stars damit beschimpft hat. Doch was tut er? „Sorry“, sagt Drexler.

„Aufrichtig und von Herzen“ hat der Unglückliche sich am Samstag entschuldigt in einem offiziellen Kommuniqué des Geißbockvereins. Sportchef Horst Heldt brummt ihm außerdem eine saftige Geldstrafe auf, wie diesem anderen Dödel im Bus, der das Video gedreht und verbreitet hat. Wenn ein Klub weiß, wie man sich entschuldigt, dann die Kölner.

Zwei Entschuldigungen wegen neuer Tattoos

Letzte Woche installierten sie einen neuen Mediendirektor, den Journalisten Fritz Esser. Bis herauskam. dass der einmal öffentlich der AfD applaudiert und FC-Fans als „Schwachmaten“ beleidigt hat. Kölns Bosse machten die Personalie rückgängig und gingen in Sack und Asche: „Wir bitten alle Mitglieder und Fans um Entschuldigung.“

Köln halt? Jecken? Das wäre zu kurz gesprungen. Denn der ganze Fußball tickt immer öfter nach dem Motto: Um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, muss der Entgleisung die unverzügliche Reue folgen. Kein Tag vergeht mehr, an dem nicht um Verzeihung gefleht wird, mit dem Ausdruck des höchsten Bedauerns. Letzte Woche kam heraus, dass sich Constantin Tolisso vom FC Bayern und der Zuckerhut-Zauberer Cunha von Hertha BSC verbotenermaßen in Tattoo-Studios verschönert hatten – und entsetzt riefen die zwei lauthals Sorry.

Oder Thomas Hitzlsperger, in Stuttgart. Wochenlang hatte der Vorstandschef der VfB-AG forsch erklärt, dass er bei der nächsten Wahl gegen Präsident Claus Vogt antritt, weil er den für eine jämmerliche Niete hält, die den Verein ruiniert.

Die mit Vogt geistig verbandelten organisierten VfB-Fans stellten Hitzlsperger darauf als Daimler-Hampelmann und Mercedes-Marionette hin – und statt im Richtungskrieg seinen Mann zu stehen und Vogt im Gegenzug als Marionette der Ultras zu überführen, ging der Ex-Meisterspieler vor ein paar Tagen in die Knie und steht jetzt da wie das Abziehbild einer Führungsfigur. „Sorry“, sagt Hitzlsperger.

So eine Entschuldigung gehört mittlerweile zum Spiel wie der Ball oder wie die körperfüllenden Tattoos der Protagonisten. Die ersten Fußballer lassen sich angeblich schon das Hirn absaugen oder tieferlegen, aber der wahre Modetrend ist das Sorry, wie im Rest der Welt. „Sorry“-Grußkarten boomen, „Sorry“, singt Madonna, und rund um die Uhr wird derart zweckdienlich um Verzeihung gefleht, dass im Internet schon eine „Sorry“-Software heruntergeladen werden kann.

Podolski twittert empört

Die Hohe Schule des Pardons, das ist es, worauf auch die Fußballer schwören. Ein geschmeidiges Sorry ist wie eine gelungene Schwalbe im Strafraum, man weiß es spätestens seit Stefan Effenberg. Als der sich in seiner Blütezeit als Bayern-Star anlässlich einer Meisterfeier einmal danebenbenahm, hat er sich tags darauf geschwind mit seinem Alkoholpegel entschuldigt – worauf ihm „Bild“ im Namen aller Durstigen auf der Stelle verzieh: „Ist okay, Effe!“ Die Sache war erledigt, Prost. Seither sagt jeder Fußballer, wenn er nach dem Kater wieder alle Sinne beisammen hat, sofort Sorry.

Woran man eine überzeugende Entschuldigung erkennt? Die Wissenschaft ist sich einig, dass sich die unverfälschte Reue vor allem in Form einer demütigen Grundhaltung zeigt, und der hängende Kopf sollte dabei einhergehen mit einem halbwegs verschämten Gesichtsausdruck – also mit all den Dingen, die am Wochenende auch Dominick Drexler als effektive Stilmittel des glaubhaften Bedauerns eingesetzt hat.

Aber noch lassen die Kölner ihn zappeln. „Wer seine Fans Spacken nennt“, twittert FC-Ikone Lukas Podolski, „hat dieses Trikot nicht verdient.“ Und die Rückkehr der Helden nach dem Derbysieg in Gladbach geriet für den Bösewicht zum Spießrutenlauf, durch den Hintereingang musste er vor den Ultras gerettet werden, die feindselig durch ihre Zähne zischten: „Wo ist Drexler?“ Der sitzt jetzt zitternd zu Hause und fragt sich im Namen aller Fußballspieler: Glauben die ersten Spacken unsere täglichen Sorrys nicht mehr?