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Blick in das Nichts

  • 28. März 2020

Beitrag in der FAZ von Christian Eichler

Viel Zeit haben – und den liebsten Zeitvertreib nicht mehr: Das ist hart. Es geht nicht nur um das Entertainment. Sport strukturiert den Alltag, das Jahr, gibt dem Kalender Gestalt. Der Freund des Sports muss die Leere aushalten – der Marathon hat gerade begonnen.

Am schlimmsten sind die Samstage. Woran erkennt man sie noch? Dem, der immer zu Hause ist, wird die Woche konturlos. Sie hat keinen richtigen Anfang, kein richtiges Ende mehr. Vor Corona fühlte sich jeder Tag ein wenig anders an. Jetzt verliert sich das nach und nach, vor allem das Samstagsgefühl. Dieser Tag hatte vielleicht mehr als jeder andere der Woche etwas ganz Eigenes, sogar einen eigenen Sound. Gerade an klaren Frühlingstagen konnte man ihn durch offene Fenster und Gärten hereinwehen hören. Den Sound des Fußballs.

Die Torschreie und Wortlawinen der Reporter, grundiert vom Klangkörper Zehntausender Stadionbesucher – dieses Klanggemälde aus unzähligen Radios gehört gerade im Frühling, wenn die Bundesliga in ihre finalen Wochen geht, zum Soundtrack der Samstags-Republik. Das stimmliche Dramatisieren des Banalen, das Millionen Hörer in seinen Bann schlägt, ist Erzählkunst in Echtzeit und höchster Verdichtung. Sie vermag etwas Reales, Bildhaftes, aber Unsichtbares in Wort und Stimme zu verwandeln und in der Phantasie des Zuhörers in Bilder zurückzuverwandeln. So erschafft sie den Klang des Wochenendes, die Musik eines sorglosen Alltags.

Nun ist sie verstummt. Die Welt wird leiser. Niemand schreit mehr. Schon gar nicht tausendfach. Selbst die Vögel am Morgen, die man nun hört, da kaum ein Auto mehr fährt, singen leiser als in unserer Erinnerung; aber vielleicht nur, weil es so wenige geworden sind, ganz ohne Pandemie.

Endlich mal Ruhe, so etwas wünscht er sich ja gern, der beruflich, sozial, familiär, nicht zuletzt sportlich ruhelose Parademensch der Moderne. Oft wird er als Mensch im Hamsterrad beschrieben – ein lustiges Bild, weil der Hamster in seinem Käfig sich ja auch ohne jede Kenntnis seines Body-Mass-Index wie sein Frauchen oder Herrchen auf dem Heimtrainer fit hält. Auch die Leistungssportler, gerade in Profiligen wie im Fußball, Handball oder Basketball, klagen oft über den Stress, die Reisen, die Termine. Endlich mal Ruhe, das wär’s! Nun haben wir sie alle, Sportler wie Nichtsportler, aber es ist die falsche. Und wir merken, dass die erzwungene äußere Ruhe innere Unruhe nicht beendet, sondern verstärkt. 

Corona schafft, was seit 75 Jahren niemand schaffte: den Sport stillstehen zu lassen. Müssen wir uns an diese Stille, diesen Stillstand gewöhnen? Ist es ein Vorgeschmack auf eine Welt ohne Sport? Oder zumindest ohne den Sport, wie wir ihn kannten? Es gäbe gewiss nicht wenige, denen das sogar gefiele. Für sie ist Sport immer wieder dasselbe. Ein Nullsummenspiel. Einer gewinnt, die anderen verlieren. Wozu die ganze Aufregung? Diese Haltung übersieht, dass der Sport einem großen Teil der Welt etwas über das reine Ergebnis, über Titel und Rekorde hinaus liefert. Gefühle natürlich und Geschichten und Entertainment, vor allem aber auch etwas, das man erst bemerkt, wenn es fehlt. Es ist die Gestalt, die der Kalender des globalen Wettkampfsports der gelebten Zeit gibt. Sport strukturiert den Alltag, die Woche, das Jahr. Das vermissen wir, neben vielem anderen, gerade auch.

Was gäben wir nicht dafür, nun einfach am Wochenende irgendwo Live-Sport zu sehen. Einfach um zu spüren, dass Wochenende ist. Uns laut über einen seltsamen Handelfmeter zu erregen. Meditativ beim Snooker die Ausführung des nächsten Stoßes zu erwarten. Gelassen die Radprofis wie Nachfahren der Eisläufer in einem Breughel-Gemälde durch Flandern gleiten zu sehen. Es stimmt, es ist irgendwie immer wieder das Gleiche. Aber dieses Gleiche fehlt.

Wie bei Sisyphos rollt immer wieder der gleiche Stein den Berg hinunter, nur dass der Mensch der Moderne den quälenden Teil der Übung an den Berufssportler ausgelagert hat. Wenn wir ihm dabei zusehen, fühlen wir uns vergnügt, erregt, gebannt, kurz: lebendig. Wir, der Sisyphos auf dem Sofa, der den Sisyphos im Stadion beobachtet. Den einen wie den anderen muss man sich als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Das heißt: derzeit also als einen unglücklichen. Wie dem aktiven Sportler ist dem passiven Sportler gerade ein Stück seines Lebens abhandengekommen. Wer sich über die Jahre intuitiv seinen eigenen gefühlten Sportkalender angeeignet hat, funktioniert vegetativ wie eine Pflanze, die stets weiß, welche Jahreszeit ist. Ihm reicht ein kurzer Blick auf den Sport, der gerade läuft. Ist es Skispringen und der Kopf noch leicht benebelt, ist Neujahr. Wird an Lauberhorn und Hahnenkamm atemraubend abgefahren und dazwischen bei einer Handball-WM oder -EM zugepackt, ist die Rückkehr der Fußball-Bundesliga nicht mehr weit, nach dem Super Bowl auch die der Champions League. Und dann ist bald schon März, und da geht es ja erst richtig los. 

Na ja: ginge, müssen wir nun präzisieren und den inneren Kalender vorerst blockieren. Die Radprofis, die uns von der Riviera bis Roubaix den Frühling kurzweilig gestalten sollten, kommen nicht vom Fleck. Die Snooker-WM im April ist auch schon passé. Fußball? Nur noch in Nicaragua und Weißrussland. Und der Rest des von Corona gerupften großen Sportsommers 2020 verflüchtigt sich von Tag zu Tag mehr. Was uns darin noch erwartet: keine Fußball-EM, kein Olympia, bestenfalls noch ein Fußball-Saisonfinale in engem Takt und leeren Stadien, ein Restprogramm als Rettungsschirm für eine ganze Branche.

Und vielleicht, nach dem Plan von Frankreichs Sportministerin, eine Geister-Tour de France. Wie das wohl wäre? Stundenlange Übertragungen einer Rundfahrt durch ein menschenleeres Land? Ein Film aus apokalyptischer Zukunft? Mad Max hat umgesattelt, fährt nun Rennrad? Vielleicht schaute man sich das trotzdem an. Der Sofa-Sportler wäre bis dahin wohl mürbe genug von der doppelten Qual: endlich viel Zeit zu haben und den liebsten Zeitvertreib nicht mehr.

Sport 2020 oder: Das große Nichts. Manche tun einfach, als wäre auch nichts. Die spanische Sportzeitung „Marca“ diskutiert in ihrer Online-Ausgabe die Aufstellungen fürs längst abgesagte Länderspiel gegen Deutschland. Auf der Website des FC Bayern kann man 2:24 Minuten lang den Profis beim „Cyber-Training“ zusehen, das im Videoclip aber eigentlich gar nicht so cybermäßig aussieht, eher wie eine stinknormale Betriebsvideokonferenz, nur in Sportkleidung und auf Heimtrainern statt Bürosesseln – während dazu noch am Freitagvormittag eine Uhr die Zeit bis zum nächsten Bayern-Spiel herunter- zählt. Acht Tage, fünf Stunden und 34 Minuten hieß es da um fünf Minuten vor zwölf. Bis zum längst abgesagten Spiel in Dortmund. 

Sport, wie aus der Zeit gefallen. Kader für Länderspiele, die es nicht gibt. Countdowns für Liga-Gipfel, die es nicht geben wird. Wenn doch, weiß niemand, wann. Und wer dann Lust darauf haben wird. Auf einen deutschen „Clásico“ vor der größten Stehplatztribüne der Welt, auf der niemand stehen, hüpfen, johlen wird? Fußball wird Fernsehspiel, Kammerspiel. Lustspiel war gestern.

Gegen diesen Phantomschmerz ist jeder rollende Ball als Medizin recht. Am Montag lief sogar nochmal Live-Fußball bei Dazn. Newcastle United Jets gegen Melbourne City, das letzte Spiel, ehe auch Australien den Spielbetrieb einstellte. Eines ohne Zuschauer, ohne menschliche Geräusche also, so dass das abendliche Zirpen unzähliger Grillen einen neuen Stadion-Sound schuf. Einen schönen Treffer schoss ein gewisser Nick Fitzgerald, der auf seinem Newcastle-Trikot mit der Aufschrift „Football for Fires“ Werbung für ein Benefizspiel machte – und dem Rest der Welt damit auch in Erinnerung rief, dass Corona nicht alles ist. Ja, dass es am anderen Ende der Welt nicht die einzige und bisher nicht mal die schlimmste Katastrophe des Jahres 2020 ist. Ob das Promi-Spiel für die Opfer der verheerenden Brände wie geplant am 23. Mai stattfinden kann? Ronaldinho wird es jedenfalls wohl nicht schaffen. Der einst trickreichste Fußballer der Welt sagte zu, sitzt nun aber wegen Passfälschung in Paraguay in eisenharter Manndeckung. 

Ronaldinho spielt trotzdem im Dazn-Programm, als Sieger der Champions League mit Barcelona 2006. Wie die Prepper sind auch die Sparten- und Regionalsender mit reichlich Konserven eingedeckt. Die machen sie nun auf. Bei Dazn zum Beispiel laufen nun alle Final-Highlights der Champions League. Besonders sehenswert, weil fast schon vergessen: das grandiose Tor von Dejan Savicevic 1994. Und die gymnastische Meisterleistung von Patrick Kluivert ein Jahr später nach seinem Siegtor für Ajax. Er schafft es, im Jubelsprint sein Trikot um 180 Grad zu drehen, ohne es auszuziehen, Arme raus, wieder rein, und so, warum auch immer, die Nummer 15 nach vorn zu bringen – all das, bevor die ersten feiernden Mitspieler ihn einfangen. Auch diese Albernheiten von Sportlern gehören zum Glück, Sport zu schauen. 

Vergessenkönnen ist gnädig, so lässt sich manches von dem, was nun aus Altbeständen als Ersatznahrung angeboten wird, noch mal schauen, als wär’s das erste Mal. Das nutzt sich ab, je näher man der Gegenwart kommt. Auch deshalb wohl lässt Sport1 die für die Osterzeit angekündigten historischen WM-Highlights mit dem deutschen WM-Sieg 2014 enden. Für das Aus gegen Südkorea vier Jahre später gibt es zum Glück keinen Sendeplatz.

Ach, was gäbe man da nicht für ein wenig frischen Sport. Irgendwann sind alle Klopapierwitze erzählt, und nach dem Zellstoff geht auch der Gesprächsstoff aus in diesen gleichförmigen Zeiten. Der leichte Stoff für das Gezwitscher des Alltags, den Schwatz mit dem Nachbarn, das Geplapper mit den Kollegen über solch schöne Nichtigkeiten wie Fußball.

Aber es geht nicht anders. Der Sport, heißt es, bringe Menschen zusammen. Das ist das Schöne, aber auch das Tückische daran. Vielleicht sogar: das Tödliche. Stimmen aus Italien schürten in dieser Woche den Verdacht, dass das Champions-League-Spiel zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia am 19. Februar für die desaströse Corona-Verbreitung in der Lombardei und in Spanien als „biologische Bombe“ gewirkt habe. So nennt es Giorgio Gori, der Bürgermeister von Bergamo, der am härtesten von Covid-19 getroffenen Stadt. 44000 dichtgedrängte Zuschauer im Stadion boten dem Virus einen Nährboden für die Verbreitung in Norditalien, wo erst vier Tage später die erste Corona-Infektion entdeckt wurde. Die Epidemie sei in Bergamo „genau zwei Wochen nach diesem Spiel explodiert“, stellte der Mediziner Francesco Le Foche fest. Es entstand der Begriff vom „Spiel null“. 

Der Nullpunkt war es nicht. Noch drei Wochen später, am 11. März, fand die Partie des Titelverteidigers FC Liverpool gegen Atlético Madrid vor vollbesetzten Rängen an der Anfield Road statt. Die Erinnerung an die Bilder von vielen tausend frenetisch feiernden Fans aus Madrid, aus der zu jenem Zeitpunkt schon verseuchtesten Metropole Europas, lässt schaudern. Ebenso wie die Berichte, dass sich der Großteil aller skandinavischen Corona-Erkrankten beim Skifahren angesteckt habe – in Italien, in Österreich, dort vor allem in Ischgl, wo man das einträgliche Wintergeschäft auch nach deutlichen Hinweisen auf Infektionsherde lieber noch ein bisschen laufen ließ.

Ist Fußball, ist Skifahren nun schlecht? Nein, es ist ja nicht der Sport, es ist die Geselligkeit, die er erzeugt. Und die Gier, daran zu verdienen. Das Bierchen danach, das Après-Ski-Gebussel, das Geschäft mit Sportfans und Sporttouristen. Nun ist, wie alles andere, auch der Sport in Quarantäne. Allerdings gehört er zu den Teilen unseres Lebens, die so etwas nicht sehr gut vertragen. Er braucht Bewegung und Begegnung. Aber Klagen hilft auch nichts. Die Katastrophe ist nicht der Sport, ist auch nicht der Nicht-Sport. Die Katastrophe ist Corona. Und der Sport der Stunde heißt deshalb: No sports. Nicht im Fernsehen, nicht im Stadion, nicht im Verein, nicht im Fitnessstudio. Der Freund des Sports muss das aushalten. Es ist sein persönlicher Marathon. Er hat gerade erst begonnen.