Beim 1. FC Köln ist plötzlich alles ganz einfach

  • 6. März 2020

Beitrag auf faz.net von Daniel Thelweleit

Der 1. FC Köln schafft den Umschwung – und ergötzt sich an der „Gisdol/Heldt-Tabelle“. Dabei standen die beiden Macher kurz vor dem Absturz auf die Ebene der Fernsehexperten. Wie ist ihnen das gelungen?

Es wäre einfach, die wachsende Frühjahrs-Begeisterung, die das Kölner Geißbockheim in diesen Tagen umgibt, auf ein altes Klischee zurückzuführen: So sind sie eben, die Kölner. Kaum haben sie ein paar Fußballspiele nacheinander gewonnen, schon verlieren sie sich wieder in ihren selbstherrlichen Phantasien von einer leuchtenden Zukunft.

Tatsächlich müssen die Kölner wieder Fragen nach ihren Chancen auf eine Europapokal-Qualifikation beantworten, was sie selbstverständlich konsequent verweigern. „Da brauchen wir gar nicht hingucken“, sagt Elvis Rexhbecaj, und Florian Kainz ergänzt: „Das ist der völlig falsche Ansatz.“ Allerdings gibt es in Köln derzeit auch für weniger überschwängliche Beobachter gute Gründe, zumindest mal einen Blick auf den schrumpfenden Abstand zum oberen Tabellendrittel zu werfen. Schließlich hat der 1. FC Köln sieben der vergangenen neun Spiele gewonnen.

Genug Gründe zum Träumen

An den Theken der Stadt wird längst über die sogenannte „Gisdol/Heldt-Tabelle“ gesprochen. Betrachtet man nur die 13 Spieltage, seit der Manager Horst Heldt und der Trainer Markus Gisdol die sportliche Verantwortung bei dem Aufsteiger übernommen haben, ergibt sich ein Tableau mit den Kölnern auf Rang fünf. An diesem Freitagabend (20 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Dazn) steht nun ein Duell beim SC Paderborn bevor, es folgen zwei Heimspiele gegen Fortuna Düsseldorf und Mainz 05, und das im Februar wegen eines Sturms ausgefallene Spiel in Mönchengladbach bietet eine weitere Möglichkeit für Punktgewinne. Da kann man schon mal träumen. Der März könnte zum Monat einer endgültigen Verwandlung des 1. FC Köln vom Abstiegskandidaten in einen Verein mit Ambitionen nach oben werden, doch Heldt sagt: „Das Einzige, was aus meiner Sicht kommt, ist eine Veränderung des Wetters.“

Es tut dem fiebrigen Fußballstandort Köln gut, diesen Meister der Deeskalation an vorderster Front stehen zu haben. In seinen Jahren auf Schalke hat er sich daran gewöhnt, mit immer neuen Widrigkeiten klarzukommen, ohne jemals den Kopf zu verlieren oder Konflikte eskalieren zu lassen. Nun erlebt er in Köln eine neue, erstaunliche Erfolgsgeschichte. Als der Sportvorstand und der neue Trainer Gisdol im November am Geißbockheim auftauchten, schlug ihnen erst mal viel Skepsis entgegen, nun blicken die beiden Männer auf eine beachtliche Serie sehr guter Entscheidungen zurück.

Ihnen ist eine Operation sozusagen am offenen Herzen gelungen, der Umbau einer Mannschaft im laufenden Betrieb. Nachwuchsspieler wurden integriert, die Spielweise wurde modifiziert, und Winterzugänge wie Rexhbecaj, Mark Uth oder Toni Leistner funktionieren prächtig. Gisdol spricht von einem „engen und vertrauensvollen Verhältnis“ zu Heldt, er sei „sehr glücklich über die Konstellation“.

Zwei Bundesligafiguren, die akut vom Absturz aus dem Kreis der echten Protagonisten auf die Ebene der Fernsehexperten und Fußballprivatiers bedroht waren, erleben einen neuen persönlichen Höhepunkt. Und wer sich nach dem Erfolgsgeheimnis erkundigt, bekommt immer wieder einen zentralen Begriff zu hören: „einfach“. Schon an seinem ersten Arbeitstag in Köln sagte Gisdol, er habe „die Fähigkeit, Spieler mit einfachen Hilfen schnell auf den richtigen Weg zu bringen“. Ersatztorwart Thomas Kessler, dessen Stimme viel Gewicht in der Kabine hat, erklärt in der neuesten Ausgabe einer TV-Serie, die über das Spieljahr gedreht wird, der neue Trainer habe „sehr, sehr einfache Elemente eingebaut“. Aspekte, „die uns offensichtlich gefehlt haben in der taktischen Disziplin, im Umgang mit unserem Beruf“. Und Kainz berichtet, dass der Trainer ihn vor dem 5:0-Sieg in Berlin vor zwei Wochen gebeten habe, es „möglichst einfach anzugehen und nicht so kompliziert wie sonst“.

Dazu passt, dass der neue Trainer genau weiß, wie unverzichtbar in der Bundesliga physische Qualitäten sind: Laufbereitschaft, Kraft in den Zweikämpfen, besondere Sprintfähigkeiten. Auch das ist eher ein einfacher Ansatz, mit dem ganz nebenbei eine Sehnsucht vieler Anhänger befriedigt wird: In Müngersdorf gibt es im Moment intensiven Fußball ohne viel Schnickschnack zu sehen. Und ohne die ganzen Nebenschauplätze, auf denen die Kölner in der Vergangenheit immer wieder viel Energie verschwendet haben. Sogar das im Spätsommer unter heftigen Kontroversen neu gewählte Präsidium kann seine Arbeit mittlerweile leise im Hintergrund erledigen, ohne ständig in der Zeitung zu stehen. Für fast alle Bereiche des Vereins gilt, was Heldt über die Mannschaft sagt: „Ich glaube, dass wir momentan eine gute Mischung haben, dass jeder gewillt ist, wenn er eine Aufgabe bekommt, die dann dementsprechend zu erfüllen.“ Mal wieder keimt die Hoffnung, dass eine nachhaltige Wende zum Guten gelingen könnte, wobei beim Aufschwung der vergangenen Wochen auch eine ordentliche Portion Glück im Spiel war.

Die vielen Punkte sammelten Heldt, Gisdol und ihr Team vor der Winterpause in Spielen gegen Bayer Leverkusen, in Frankfurt sowie gegen Werder Bremen, bevor 2020 Siege gegen den VfL Wolfsburg, SC Freiburg, in Berlin und gegen Schalke folgten. All diese Teams befanden sich pünktlich zum Duell mit dem FC ziemlich genau am bislang tiefsten Punkt ihrer Saisonleistungskurven.