Mit Teilfreude in die Relegation

  • 13. Mai 2018

Beitrag auf sueddeutsche.de von Javier Cáceres

Die Wölfe schwingen sich gegen Köln zur besten Saisonleistung auf – müssen aber wieder Unruhe im Umfeld verarbeiten: Jörg Schmadtke soll als neuer Sportgeschäftsführer kommen.

Natürlich kam noch die Rede auf das Jahr 2015, als der heutige Trainer des VfL Wolfsburg, Bruno Labbadia, noch Coach beim Hamburger SV war. Damals hatte Labbadia bekanntlich den HSV gegen den Karlsruher SC glücklich durch die Relegation gelotst. Nun steht ihm an diesem Donnerstag mit dem VfL gegen Holstein Kiel (20.30 Uhr) die gleiche Aufgabe bevor, weil sich die Wolfsburger mit einem 4:1-Sieg gegen den 1. FC Köln den Relegationsplatz gesichert hatten.

Eine Erfahrung, wie er sie damals mit dem HSV gemacht habe, sei eigentlich „unbezahlbar“, sagte Labbadia. Andererseits seien die Situationen nicht zu vergleichen. Hier, in Wolfsburg, „habe ich Dinge erlebt, die ich vorher noch nicht erlebt habe“, betonte der Trainer. Damit spielte er wohl vor allem auf die faktische Führungslosigkeit im Klub und auf die Störfeuer an, die sich am Sonntag fortsetzen sollten. Vier Tage vor dem Relegations-Hinspiel in Wolfsburg meldeten Bild-Zeitung und Kicker, dass Jörg Schmadtke, zuletzt Manager in Köln, zur neuen Saison Sportgeschäftsführer in Wolfsburg werden solle. Vom Klub gab es dazu „keinen Kommentar“.

Ob diese Personalie zum Wunsch Labbadias passt, den Fokus „jetzt sofort“ auf Kiel zu legen, darf bezweifelt werden. Zu gut fügte sich die neue Unruhe in die Wochen ein, in denen sich der VfL in eine Lage manövriert hatte, in der es jetzt nur noch darum ging, den Totalschaden des direkten Abstiegs zu vermeiden – und das vor nicht annähernd ausverkauftem Haus, in der Arena am Mittelkanal war nicht einmal die Vip-Tribüne ausgelastet. Wie sehr den Akteuren die letzten Monate noch in den Kleidern hängen, war am Mangel an Euphorie zu merken, mit dem das 4:1 gegen die bereits abgestiegenen Kölner quittiert wurde. Dass es der höchste Saisonsieg und erst der zweite Triumph im elften Spiel unter der Regie von Labbadia war, konnte man kaum spüren: „Das, was wir erledigen mussten, haben wir getan“, sagte Labbadia nüchtern. „Wir hatten 33 Spieltage Zeit, das in Ordnung zu bringen“, sagte Kapitän Maximilian Arnold. Auch bei Robin Knoche kam nur „eine Art Teilfreude auf“.

Der Mann, der den VfL Wolfsburg einstweilen rettete, war Josip Brekalo, ein interessanter, 19-jähriger kroatischer Offensivmann, der bei Dinamo Zagreb ausgebildet wurde. An den Toren von Josuha Guilavogui (1.), Divock Origi (54.) und Knoche (71.) war Brekalo direkt beteiligt, das vierte Tor erzielte er selbst (90.+1). „Er ist ein Toptalent, überhaupt keine Frage. Heute hat er es top gemacht“, urteilte Labbadia. Zwischendrin hatte Brekalo zwar einen Hänger, wie Labbadia sagte – denn er hatte daran zu nagen, dass er in der 19. Minute eine hundertprozentige Chance auf das 2:0 vergeben hatte – im trügerischen Gefühl des sicheren Erfolgs.

„Ich habe den Ball schon drin gesehen“, ärgerte sich der kroatische Nachwuchs-Nationalspieler. Mit den Jahren werde Brekalo „lernen, nach negativen Erlebnissen sein Spiel nicht zu verlieren“, sagte Labbadia: „Aber ich freue mich, dass er noch sein Tor gemacht hat.“ Zumal dieser Treffer überaus schön anzusehen war: ein entschlossener Lauf aufs Tor mit Abschluss in Richtung des hinteren Pfostens.

Vor allem imponierte aber Brekalos Beitrag zum 2:1, mit dem ein Weltklassetreffer von Kölns Kapitän Jonas Hector zum zwischenzeitlichen Ausgleich (32.) zur hübschen Anekdote gerann. Als habe er sich an seine Jugendzeiten als kroatischer Cross-Meister erinnert, pflügte Brekalo das Feld von links nach rechts, rang Gegenspieler nieder, passte auf Yunus Malli, der wiederum Origi so perfekt bediente, dass dieser – Achtung, Nachricht! – gar nicht mehr am Tor vorbeizielen konnte.

Origi sollte sich übrigens später vor einem ARD-Mikrofon aufrichtig für die Auskunft bedanken, dass der Relegations-Gegner Holstein Kiel heißt. Dass ihm der Verein nicht geläufig war, kann tief blicken lassen – oder auch nur Indiz dafür sein, dass das Augenmerk des VfL exklusiv auf dem Spiel gegen Köln lag. Jedenfalls boten die Wolfsburger ihre beste Saisonleistung – gegen Kölner, die mit zunehmender Dauer die Anspannung derart vermissen ließen, dass Torwart Timo Horn von einer „Grenze zur „Arbeitsverweigerung“ sprach.

„Wir haben vor allem in dieser Woche sehr intensiv am Positionsspiel gearbeitet, und man hat schon unter der Woche gespürt, dass es bei dem einen oder anderen Klick gemacht hat“ sagte Labbadia, ohne Namen zu nennen. Ins Auge stach jedenfalls die Leistung von Regisseur Yunus Malli, der zuletzt nur sporadisch eingesetzt worden war. Flankiert von den schnellen Außen, Brekalo und Renato Steffen, konnte sich Malli die Freiheit nehmen, um für spielerisch lichte Momente zu sorgen. „Malli ist ein sehr, sehr ballsicherer Spieler. Wichtig ist, dass er mehr Aktionen hat. Heute hat er die gehabt, das hat unserem Spiel sehr gut getan“, erklärte Labbadia.

Das ist eine umso wichtigere Nachricht, als Holstein Kiel „ein richtig ekliger Gegner“ sein kann, wie Kölns Sportdirektor Armin Veh anerkennend erklärte. Er muss es wissen: Er hat sich eingehend mit der Arbeit von Holstein Kiels Trainer Markus Anfang befasst – und ihn für die kommende Saison als FC-Coach verpflichtet.

Ob er Anfang den Aufstieg mit Kiel wünsche, wollte Veh allerdings nicht verraten: „Ich wünsche mir, dass er nächstes Jahr Bundesliga-Trainer wird.“ Denn Köln will wiederkommen.