Wolfsburg rettet sich in die Relegation

  • 12. Mai 2018

Beitrag auf faz.net von Christian Otto

Trotz früher Führung war das Wolfsburger Dribbeln am Abgrund ein zäher Balanceakt. Immerhin nimmt der Werksklub seine Krise endlich ernst und besiegt den 1.FC Köln 4:1.

Die Szene des Tages? Nichts gegen den erleichterten Jubel gleich nach dem Schlusspfiff. Die Wahl kann nur auf diese Energieleistung von Josip Brekalo fallen. Mit viel Biss hatte sich der Kroate im Mittelfeld durchgesetzt, auf Yunus Malli gepasst und das 2:1 (54. Minute) von Divock Origi eingeleitet. Der 4:1-Heimsieg des VfL Wolfsburg gegen den 1. FC Köln besaß hohen Unterhaltungswert. Er war das Ergebnis eines Wollens auf der Zielgeraden der Saison, für das Brekalos Zuarbeit als Paradebeispiel diente.

Das Wolfsburger Fernduell mit dem Hamburger SV um den direkten Abstieg war das erwartete Zitterspiel. Es endete für den VfL auf dem Relegationsplatz. Dass der Sieger schon in der ersten Minute durch Joshua Guilavogui in Führung gegangen war, hätte so manche Verkrampfung lösen können. Weil aber der Kölner Kapitän Jonas Hector in der 32.Minute ausgeglichen hatte, blieb das Dribbeln am Abgrund ein zäher Balanceakt. Erst das Kopfballtor von Robin Knoche (71.) zum 3:1 und Brekalos 4:1 (90.) beseitigten die letzten Zweifel an der partiellen Rettung des VfL Wolfsburg.

Gerade einmal 42 Sekunden hatte Wolfsburg benötigt, um allen Kritikern zu zeigen: Dieser Verein lebt und wehrt sich doch noch gegen den Abstieg. Dem frühen Führungstreffer durch Guilavogui, nach einem Querpass des Brasilianers William erzielt, waren erstaunliche Jubelszenen gefolgt. Das Verhältnis zwischen Fans, Mannschaft und Verein mag in Wolfsburg zuletzt nicht das allerbeste gewesen sein. Aber in diesem Moment war aus frostiger Distanz eine innige Nähe geworden. Daran konnte auch die Tücke nichts ändern, dass das Wolfsburger Stadion mit nur 26.121 Zuschauern besetzt und in der wichtigsten Partie der Saison nicht ausverkauft war.

Der Zeitpunkt für den ersten Heimsieg des Jahres und unter der Regie von Cheftrainer Bruno Labbadia hätte nicht besser gewählt sein können. Seit Wochen hatte die Mehrheit der Wolfsburger Profis den Eindruck erweckt, wahlweise nicht mehr zu können oder zu wollen. Dazu kamen der Hohn und Spott über ein Projekt der Fußball-Bundesliga, das vor allem dann in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit rückt, wenn es besonders gut oder schlecht funktioniert.

Mit den hohen finanziellen Zuwendungen durch Klubeigner und Hauptsponsor Volkswagen, dessen Geltungsbedürfnis von internationaler Güte ist, sind in Wolfsburg auch die Ansprüche an den heimischen Fußball kontinuierlich gewachsen. Was für das oberen Tabellendrittel und eine Beteiligung an einem internationalen Wettbewerb zusammengestellt ist, muss in diesen Tagen niederen Zielen gehorchen. Für den VfL und VW geht es wie im Vorjahr nur um den Klassenerhalt, der über den Umweg der Relegationsspiele noch geschafft werden kann. Der Kartenvorverkauf dafür wurde nur Sekunden nach Spielende eröffnet.

Gegen den bereits zum Abstieg verurteilten 1. FC Köln war es für Wolfsburg an der Zeit, aufzubegehren und in die Nähe der eigenen Schmerzgrenze zu kommen. Auch der zwischenzeitliche Ausgleich nach einer sehenswerten Einzelaktion von Hector konnte nichts daran ändern – an diesem 34. Spieltag nahm die Mannschaft des VfL Wolfsburg endlich ihre Krise ernst und kämpfte entschlossen dagegen an. Sie rang einen Rivalen aus Köln nieder, der engagiert mitspielte und nichts zu verschenken hatte.

Ende Februar war mit Labbadia der dritte Wolfsburger Trainer innerhalb von nur einer Saison angeheuert worden. Der Routinier hat mit Ruhe und Sachlichkeit ein Etappenziel erreicht, das ihm zuletzt nicht mehr zugetraut worden war. Nach 21 Jahren in Serie in der Bundesliga ist der VfL an einem merkwürdigen Moment seiner Vereinshistorie angekommen. Parallel zu den sportlichen Unzulänglichkeiten gibt es eine Führungsschwäche. Bis auf Labbadia als Cheftrainer gibt es in der oberen Etage der VfL Wolfsburg Fußball GmbH keinen Entscheider mit der nötigen Fachkompetenz oder Ausstrahlung, um den Verein neu auszurichten. Mit der Neusortierung des VW-Vorstandes um den ehemaligen Vorsitzenden Martin Winterkorn ist auch der Aufsichtsrat des vom Konzern gesteuerten Vereins verändert worden. Frank Witter führt den Aufsichtsrat seit Anfang April an. „Uns ist bewusst“, sagt der VW-Finanzchef, „dass wir uns an der einen oder anderen Stelle in den Strukturen und Prozessen hinterfragen müssen.“ Damit ist in salomonische Worte gekleidet, dass der VfL Wolfsburg als Ganzes neu sortiert gehört und egal in welcher Liga vor einem weiteren Umbruch steht.

Was aus dem VfL Wolfsburg werden soll und kann, entscheidet sich kurz vor sowie nach dem Pfingstwochenende. Am 17. und 21. Mai können die Niedersachsen unter Beweis stellen, wie man aus Nachsitzen lernen kann. Vor einem Jahr hatten sie sich in den Relegationsspielen gegen Braunschweig durchgesetzt. Dieses Mal steht das Zweitligaduell mit Aufsteiger Holstein Kiel an. Kann man dabei angesichts der herausragenden Möglichkeiten in Wolfsburg überhaupt scheitern? Im Fall eines Abstiegs würde das Budget für den Spielerkader angeblich auf rund 60 Millionen Euro sinken, was immer noch rekordverdächtig viel wäre. Die große Mehrheit der aktuell unter Vertrag stehenden Profis wäre verpflichtet, in Wolfsburg für das Abenteuer zweite Liga zu bleiben.