Zu viel Chloroform

  • 14. April 2018

Beitrag auf sueddeutsche.de von Javier Cáceres

Wieder verspielt der 1. FC Köln eine Führung auf fahrlässige Art. Nach der Niederlage in Berlin macht sich beim Ligaletzten Resignation breit.

Vier infernale Minuten im Berliner Olympiastadion haben den 1. FC Köln dem Bundesliga-Abstieg näher gebracht. Nach einer 1:0-Halbzeitführung der Gäste durch Leonardo Bittencourt stellte ein Doppelschlag von Herthas Stürmer Davie Selke unmittelbar nach der Pause die Partie auf den Kopf – und legte damit den Grundstein für den ersten Heimsieg der Berliner im laufenden Kalenderjahr. Die Treffer des deutschen U21-Nationalstürmers (49./52. Minute), die beide nach Vorarbeit von Nationalspieler Marvin Plattenhardt entstanden, waren die ersten Heimtreffer nach zuletzt drei torlosen Spielen auf heimischem Grund.

Die blieben auf dem letzten Tabellenplatz, mit mindestens sechs Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz, den Mainz 05 am Montagabend gegen den SC Freiburg verlassen will. Bei den Kölnern machte sich Resignation breit. „Ich mache mir gerade keine Gedanken, wie viele Punkte wir noch holen müssen oder ob es rechnerisch noch möglich ist“, sagte Stefan Ruthenbeck, der am Ende der Saison nicht mehr Chefcoach der Kölner sein wird, wie seit dieser Woche auch öffentlich feststeht. „Ich glaube, dass wir von vornherein in der Pflicht sind. Es geht um die Champions League für Schalke nächste Woche, es geht für Freiburg und Wolfsburg um den Klassenerhalt.“

Die Niederlage der Kölner war im Lichte der ersten Halbzeit nicht ganz so einfach zu erklären. Hertha hatte zwar unmittelbar nach Anpfiff einen vielversprechenden Angriff vorgetragen. Davie Selke setzte sich auf der rechten Seite erstaunlich einfach gegen Nationalverteidiger Jonas Hector durch; flankte auf Salomon Kalou, dessen missratene Volleyabnahme nicht verhinderte, dass der Ball gefährlich in Richtung Kölner Tor tröpfelte. Danach aber verfiel die Hertha in die gleiche Lethargie, die schon die jüngsten Heimauftritte geprägt hatte.

Bittencourt lässt die FC-Fans eine Weile lang hoffen

Die Kölner hingegen fanden auf unverhofft direktem Wege ihren gar nicht mal unverdienten Führungstreffer. Es war knapp eine halbe Stunde gespielt, als Torhüter Timo Horn den Ball nach vorn drosch, und der früh für den verletzten Simon Zoller eingewechselte (und bislang in Köln so glücklose) Stürmer Jhon Córdoba sich im Kopfballduell gegen Herthas Geburtstagskind Niklas Stark behauptete. Leonardo Bittencourt stach danach Mitchell Weiser in Strafraumnähe im Sprintduell aus – und stocherte den Ball durch die Beine von Herthas Torwart Rune Jarstein: Langsam kullerte der Ball unter dem Jubel des Kölner Anhangs über die Linie.

Zu diesem Zeitpunkt erweckte Hertha kaum den Eindruck, dem Spiel Tempo verleihen zu können. Zwei Mini-Chancen für Vedad Ibisevic waren das Höchste der Gefühle. Die Kölner konnten immerhin dann Charme versprühen, wenn Bittencourt an den Ball kam. Die einzige größere Einschussgelegenheit vergab freilich der Japaner Yuya Osako, als er eine Flanke von Höger nur schwach aufs Tor köpfelte (13.).

Zur zweiten Halbzeit reagierte Herthas Trainer Pal Dardai. Er beließ den sehr indisponierten Weiser in der Kabine und schickte Mathew Leckie aufs Feld. Der Australier, der nach gutem Saisonbeginn aus dem Blickfeld verschwunden ist, versuchte es sogleich mit einem Schuss, der recht weit am Tor vorbeiging. Aber er leitete damit jene Minuten ein, die sinnbildlich für die Saison des Effzeh stehen. Denn obschon alles für die Kölner sprach, rissen sie ihr mühsam errichtetes Teilwerk wieder ein. Fast wirkte es, als hätten die Kölner in der Pause an Taschentüchern mit Chloroform geschnuppert. Oder war es ein Flakon?

Bei seinem zweiten Tor muss Selke nur den Fuß hinhalten

Die erste Flanke von Herthas Linksverteidiger Plattenhardt wurde von Dominique Heintz unglücklich auf Selke verlängert, der am Fünfmetereck so zaghaft von Hector angegriffen wurde, dass er geruhsam den Ball mit der Brust annehmen konnte, um ihn dann wuchtig zum Ausgleich ins Tor zu schießen (49.). In der 52. Minute musste Hertha dann den Siegtreffer der Hertha hinnehmen. Erst wurde Kalou von drei Kölnern am Strafraum nicht angegriffen, Plattenhardt schoss scharf vors Tor, und Selke musste im Zentrum lediglich den Fuß hinhalten, um Kölns Torwart Horn zu überwinden.

Kölns scheidender Trainer Stefan Ruthenbeck reagierte – und brachte Risse für Claudio Pizarro (66.) sowie den erfolgreichsten Stürmer der Kölner, Simon Terodde, der wegen anhaltender Formschwäche nicht in der Anfangsformation stand. Doch die Kölner vermochten es nicht, ihre zum Teil guten Chancen (durch Sörensen, Risse und Córdoba). Am Ende hätte der Berliner Sieg auch höher ausfallen können, Selke und Schieber vergaben. Den Kölnern schwant nun, dass ihnen wohl nur noch ein Saisonziel bleibt: sich „mit Ehre und Würde“ in die zweite Liga zu verabschieden, wie es Bittencourt formulierte.