Der 1. FC Köln verliert den Glauben

  • 8. April 2018

Beitrag auf sueddeutsche.de von Milan Pavlovic

  • Der 1. FC Köln verpasst gegen Mainz 05 eine große Chance, den Abstand auf den Relegationsrang zu verringern.
  • Der Abstieg rückt damit näher, Trainer Ruthenbeck klagt: „Insgesamt ist das für uns zu wenig, für Mainz reicht es.“

Noch fünf Spieltage sind zu absolvieren, nach der Rückrunden-Ansage von Kölns Trainer Stefan Ruthenbeck stehen also noch fünf Endspiele um den Klassenerhalt an – bloß mangelt es spätestens seit Samstagnachmittag am Glauben, dass der FC die Lücke schließen könnte, um doch noch Platz 16 zu erreichen, der die Chance auf zwei Relegationsduelle gegen den Dritten der zweiten Liga eröffnen würde. Das 1:1 (1:0) gegen Mainz, den derzeitigen 16., kam einer Niederlage gleich; der Rückstand bet08rägt weiterhin sechs Punkte, der FC hat als neuer Letzter zudem das schwächste Torverhältnis der Liga. Und nicht bloß das Ergebnis war frustrierend, das Spiel war es auch. „Mainz war schlauer“, gab Ruthenbeck zu. „Uns hat das Spielglück gefehlt. Insgesamt ist das für uns zu wenig, für Mainz reicht es.“

Selten hat eine Mannschaft in den ersten fünf Minuten so viel Unsicherheit ausgestrahlt wie die Kölner am Samstagnachmittag. Kaum ein Zuspiel passte, das Positionsspiel wurde nicht konsequent umgesetzt, zu allem Überfluss rutschten die Akteure ständig aus; so wie in der fünften Minute, als Vincent Koziello stürzte und den Ball kurz hinter der Mittellinie herrenlos liegen ließ, der Mainzer Öztunali wenige Augenblicke später im Strafraum den Verteidiger Meré ins Leere grätschen ließ – aber an Timo Horn scheiterte.

Die Kölner wirken fragil und ausgezehrt

Doch Fußball ist bekanntlich ein seltsames Spiel. In der siebten Minute schauten die Gäste zu, regelrecht erstaunt, dass die Kölner auch einen Ball an den Mitspieler bringen konnten. Und zwar mehrfach hintereinander. Yuya Osako und Leonardo Bittencourt kreiselten am linken Flügel, Letzterer merkte, dass er unbedrängt blieb und löffelte eine Flanke in den Strafraum, wo Linksverteidiger Jonas Hector sein Glück kaum fassen konnte: Weil Gegenspieler Balogun den Ball verpasste, durfte der FC-Kapitän aus neun Metern per Kopf ins entfernte Eck verlängern. So einfach kann Fußball sein.

So einfach? Was beide Teams anschließend zeigten, kam einer Fußballfolter gleich. Sie ließen Räume frei, die andere Gegner mit Wonne genutzt hätten. Die Kölner blieben nach vorne harmlos, offensichtlich hatten sie die Verunsicherung nach dem 0:6 am vergangenen Samstag in Hoffenheim nicht aus den Köpfen bekommen. Im Aufbau leisteten sie sich zahllose technische Fehler, sie liefen falsch, standen falsch, riskierten im falschen Moment zu viel, weshalb sie häufig ihren Gegenspielern hinterherliefen oder -sahen.

Monatelang spielten die Kölner deutlich besser, als es ihr Tabellenplatz vermuten ließ. Jetzt wirken sie fragil und ausgezehrt. Sie führten zur Halbzeit bloß, weil die Gäste nur unwesentlich besser waren. Das Mainzer Spiel war abgeklärter, sah strukturierter aus, manchmal waren Kombinationen zu erkennen – allerdings waren sie noch torungefährlicher als die Kölner.

Das änderte sich nach dem Wechsel. Diesmal war es umgekehrt: Köln bot sich die erste große Chance (der fein frei gespielte Terodde scheiterte aus kurzer Entfernung an René Adler, 48.) – „welche Chancen wollen wir noch haben?“, fragte FC-Innenverteidiger Dominique Heintz später verzweifelt. „Terodde ist völlig blank. Den muss er machen“, klagte Ruthenbeck.

Provokationen und Fouls stören den Spielfluss

Mainz hingegen nutzte seine nächste Gelegenheit: Giulio Donati war auf dem rechten Flügel so frei, dass er sich einen Kaffee hätte kochen können. In aller Ruhe flankte er. In der Mitte kam der unzureichend gedeckte De Blasis zum Kopfball und traf zum 1:1 (50.). „Das hat uns nicht gut getan“, stellte Ruthenbeck fest.

Danach war lehrbuchhaft zu erkennen, warum das Wort vom Abstiegskampf erfunden wurde: Das Geschehen hatte weniger mit Fußball zu tun als mit Duellen, Provokationen und Fouls, die den Spielfluss im Keim erstickten. Der ewig lamentierende Donati wurde nach einem rüden Foul an Bittencourt verwarnt und direkt danach wegen einer anschließenden Unsportlichkeit vom Platz gestellt (86.), den er erst nach einem minutenlangen theatralischen Abgang verließ. Die Kölner warfen alles nach vorne, aber nach einer Gelegenheit für Pizarro (dessen Kopfball Adler parierte, 74.) dauerte bis zur fast achtminütigen Nachspielzeit, bis es einen wirklich turbulenten Moment vor dem Tor der Gäste gab: Doch auch der Ex-Mainzer Cordoba fand in Adler seinen Meister (90.+7). Auf der anderen Seite ließen Latza (80.), Öztunali (86.), noch einmal Latza (Latte, 86.) und Quaison (90.+7) große Gelegenheiten zum K.o. aus.

So sehr Mainz‘ Trainer Sandro Schwarz später den Auftritt seiner Mannschaft lobte, so erfreut dürften die Beobachter aus der zweiten Liga zugesehen haben. Sollte Mainz das Relegationsduell bestreiten, dürfte sich der unterklassige Klub vielleicht doch Chancen auf einen Aufstieg ausrechnen.