„Die Leiche hat am Sarg geklopft“

  • 19. März 2018

Beitrag auf sueddeutsche.de von Philipp Selldorf

  • Der 1. FC Köln verlässt nach Wochen den letzten Tabellenplatz und macht sich neue Hoffnung auf den Klassenerhalt.
  • Dabei spielt das Team bisweilen Fußball, der gar nicht an eine Mannschaft erinnert, die sich im Abstiegskampf befindet.

Das Bild des Tages war zweifellos jenes vom Konflikt des Kölner Mittelfeldspielers Vincent Koziello mit dem Leverkusener Abwehrspieler Jonathan Tah. Dieses Bild sollte als Beispiel für die wahre Kraft der Kleinen und vermeintlich Schwachen um die Welt gehen, denn wenn jemals im Zusammenhang mit Fußball die Metapher von David & Goliath eine Berechtigung hatte, dann in diesem Moment – als sich Koziello und Tah fauchend gegenüberstanden: der eine 1,68 Meter klein und 58 Kilo leicht, der andere 1,92 Meter groß und 92 Kilo schwer. Es sah aus, als ob sich ein Schulkind aus der Obertertia mit einem olympischen Faustkämpfer der Oberklasse anlegen wollte, und genauso war es auch: Nicht Tah, sondern Koziello hatte mit einer forschen Grätsche den Streit begonnen, und wahrscheinlich muss der Riese aus Leverkusen dafür dankbar sein, dass zügig der Schiedsrichter dazwischen ging – so kam Tah unversehrt davon.

An diesem Tag geschah nämlich alles ein bisschen anders als erwartet. Womit zum Beispiel kaum jemand gerechnet hatte: Dass Bayer-Torwart Bernd Leno nach dem Derby mitteilen würde, man habe „hier hochverdient 0:2 verloren“.

Köln glaubt wieder an das Unmögliche

Die zuletzt so selbstbewussten Leverkusener waren nicht der Gegner, den die Kölner sich gewünscht hatten, um ihre diesmal aber wirklich letzte Chance im Abstiegskampf zu nutzen: „Heute hatten uns nur die wenigsten etwas zugetraut“, meinte FC-Torwart Timo Horn, als er den Erfolg gegen die Nachbarn von der anderen Rheinseite rekapitulierte. Er sagte das weder in Bitternis noch im Rausch des Glücks, allenfalls in der Erleichterung des Verdammten, der noch mal eine kleine Chance bekommt: „Bisher haben wir nur den letzten Platz verlassen“, fasste Horn zusammen, „das tut extrem gut, aber es sind immer noch fünf Punkte Rückstand, es wird immer noch verdammt schwer.“

Doch immerhin ist es noch nicht vorbei, wie Flügelstürmer Leonardo Bittencourt, am Sonntag ein Hauptdarsteller des Kölner Spiels, betonte: „Das Unmögliche ist jetzt nicht mehr so unmöglich.“

Der FC hat gegen die favorisierten Leverkusener die gleiche Botschaft an die Liga gesendet, die er bereits seit Wochen sendet, diesmal allerdings ist die Botschaft tatsächlich zugestellt und ordnungsgemäß in der Tabelle vermerkt worden. Empfänger der Nachricht war unter anderem der Tabellennachbar Mainz 05, der sein nächstes Auswärtsspiel in Müngersdorf bestreiten muss und deswegen Grund zur Beunruhigung hat. Während mancher FC-Anhänger zuletzt durch die Niederlagen gegen Stuttgart (2:3) und in Bremen (1:3) in Versuchung geraten war, die Hoffnung auf den Klassenverbleib aufzugeben, hat die Mannschaft ein weiteres Mal gezeigt, dass sie verblüffende Widerstandskräfte besitzt und zur Kapitulation nicht bereit ist.

Leverkusens Trainer Heiko Herrlich hatte dies schon vor dem Treffen punktgenau geweissagt, seine Spieler schienen ihm allerdings nicht zugehört zu haben. Bei den Gegentoren patzten erst Torwart Leno, dann Aranguiz mit verunglückter Rückgabe. Und Stürmer Lucas Alario half dem Gegner durch seinen Ellbogencheck gegen den Kölner Maroh, der mit einer frühen roten Karte bestraft wurde (33.) – und am Montag vom DFB mit drei Spielen Sperre und 10 000 Euro Geldbuße. „Wir waren von der ersten Minute nicht im Spiel, unser Spiel war genauso wie der Rasen“, fand Leno. Er übte damit Kritik an den Kollegen und auch an der holprigen Spielfläche, eine Ausrede hatte er aber nicht im Sinn – dass man auf diesem Rasen schon Fußball spielen konnte, hatten ja die Kölner vorgeführt.

Kreatives Spiel statt Brechstange

Heldenhafte Abstiegskämpfe hat es schon einige gegeben in der Bundesligageschichte, aber dass ein Tabellenletzter lehrbuchartig den Ball durch die Reihen laufen lässt und dabei hin und wieder aussieht wie ein spanisches Spitzenteam, ist ungewöhnlich. Spieler wie Koziello, Bittencourt und Yuya Osako machen das Kölner Ringen um den Klassenverbleib zum sehenswerten Vergnügen. Trainer Stefan Ruthenbeck, von vielen immer noch als Aushilfstrainer unterschätzt, trägt dazu mit mutigen, variabel gestalteten Matchplänen bei. Weshalb der weit gereiste Kölner Sportchef Armin Veh außer über die Moral und die Integrität der Mannschaft auch über die Mittel staunt, die sie einsetzt: „Das gefällt mir, dass wir nicht die Brechstange benutzen, sondern unser eigenes Spiel kreieren. Aus meiner Sicht erhöht das die Aussicht, ein Spiel zu gewinnen.“

Bei der Verpflichtung von Koziello im Januar war Veh die treibende Kraft. Anfangs saß der 22-jährige Südfranzose noch vorwiegend auf der Bank, und Veh schien darüber schon etwas unruhig zu werden, aber inzwischen hat Ruthenbeck für Koziello eine Rolle im Zentrum des Kölner Spiels geschaffen, wo er sowohl seine Technik als auch seine kämpferische Courage zur Geltung bringen kann. So sieht sich Veh durch die angewandte Praxis in seiner Vorliebe für kultivierten Fußball bestätigt: „Wenn wir es schaffen, drin zu bleiben“, scherzte er, „ist für mich die Mission beendet.“

Doch noch ist zur Rettung nur der erste Schritt getan, wie Bittencourt sagte: „Die Leiche hat am Sarg geklopft, jetzt hoffe ich, dass wir in den nächsten Wochen das Türchen aufmachen und am Ende da rauskrabbeln können.“